In diesem zweiten Teil antworten wir auf die Hauptkritiken der IKP (Le Prolétaire) uns gegenüber, indem wir ihre Herangehensweise unserer Methode und unserem Analyse-Rahmen gegenüberstellen, um ein klareres Verständnis des Kampfes der Arbeiterklasse herauszuarbeiten.

Die Rolle der Revolutionäre besteht nicht lediglich darin, proletarische Prinzipien zu wiederholen, sondern vor allem darin, einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung der Arbeiterklasse zu leisten. Mit anderen Worten geht es darum, “eine konkrete politische Analyse einer konkreten Situation zu machen”, wie Lenin es ausdrückte. Wer die aktuelle Situation verstehen will und nach deren Ursachen sucht, findet in der Presse der IKP leider keine ausreichende Erklärung des internationalen und gewichtigen Phänomens des Populismus, sondern lediglich Behauptungen, welche unserer Ansicht nach nur zur Verwirrung beitragen. Die Ausbreitung des Populismus gründet auf einer konkreten und geschichtlich neuen Situation, die es zu analysieren gilt, und erfordert eine klare und methodische Debatte mittels Polemiken. Um diese Debatte zu führen, welche innerhalb des proletarischen Milieus unabdingbar ist, gilt es zuerst falsche Debatten und Interpretationen zu erkennen und zu vermeiden.

Ein klarer Rahmen zur Analyse: eine Notwendigkeit zum Bewusstsein der Arbeiterklasse

Die IKP wirft uns vor, zu behaupten, dass “der Sieg von Trump und der Verfechter von Brexit ein “Rückschlag der Demokratie” bedeute”[1] und bezieht sich dabei auf einen Artikel, den wir in Révolution Internationale Nr. 461 veröffentlicht haben. Wir behaupten in unseren Analysen nirgends, dass der Populismus die bürgerliche Demokratie und ihren Staat schwäche oder gar in Frage stelle. Für uns sind alle Fraktionen der herrschenden Klasse reaktionär, und der Populismus, als politischer Ausdruck, ist ein Teil der herrschenden Klasse und reiht sich voll und ganz in die Verteidigung der kapitalistischen Interessen ein. Die populistischen Parteien sind ein Teil der herrschenden Klasse, Parteien des kapitalistischen totalitären Staates. Was sie auszeichnet, ist die bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologie und deren Verhaltensweisen: Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Autoritarismus und der kulturelle Konservatismus. Sie manifestieren Ängste, drücken den Willen zur Abkapselung aus und stellen die “Eliten” in Frage. Der Populismus ist ein Produkt des Zerfalls, der das politische Spiel durcheinander bringt, mit der Konsequenz eines Kontrollverlustes des bürgerlichen politischen Apparates auf der Ebene der Wahlen. Doch dies hindert die herrschende Klasse nicht im Geringsten daran, dieses politisch negative Phänomen des Populismus so weit wie möglich für ihre Interessen auszunützen und es gegen die Arbeiterklasse zu verwenden. Sie verstärkt damit die Verherrlichung der bürgerlichen Demokratie, in der “jede Stimme zählt”, und prangert die mangelnde Beteiligung an den Wahlen als “Begünstigung der extremen Rechten” an. In diesem Rahmen versuchen die traditionellen bürgerlichen Parteien ihren Anti-Populismus herauszustreichen und sich als “humanistischer” und “demokratischer” als die Populisten darzustellen. All dies ist für die Arbeiterklasse eine gefährliche Falle und dient dazu, sie in die falsche Alternative zu locken: Populismus oder bürgerliche Demokratie.

Anders als wir, die IKS, verwirft die IKP die Analyse der Dekadenz des Kapitalismus, welche für den Marxismus grundlegend ist, wie dies die Gründer der Dritten International erkannt hatten und nach der Erfahrung des Ersten Weltkrieges und des Oktobers 1917 in Russland in ihrer Plattform von 1919 ausdrückten: Die neue Epoche ist geboren! Die Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung, die Epoche der kommunistischen Revolution des Proletariats”. Es ist schon ein Jahrhundert vergangen, seit die Bolschewiki und vor allem Rosa Luxemburg aufzeigten, dass die durch den Ersten Weltkrieg eröffnete historische Periode zwei Alternativen eröffnete: Krieg oder Revolution, Sozialismus oder Barbarei. Im Gegensatz dazu wiederholt die IKP auf der Grundlage ihrer “invarianten” Interpretation des Kommunistischen Manifests von 1848, dass die Krisen des Kapitalismus „zyklisch“ seien und ignoriert die Auswirkungen des Eintritts in die Dekadenz, dies vor allem bei der Frage des Krieges. Durch die Ablehnung der grundlegenden Erkenntnis der Dekadenz des Kapitalismus fehlt Le Prolétaire logischerweise die Klarheit über das Wesen der Krisen und der imperialistischen Kriege im 20. Jahrhundert, sowie die Klarheit über die aktuelle Situation und ihre Entwicklung hin zur letzten Phase der Agonie des Kapitalismus, des Zerfalls.[2]

Die IKP ist politisch nicht dazu gewappnet, zu verstehen, dass der Zerfall durch die Widersprüche des Kapitalismus eine neue Dimension erhalten hat, allem voran “die Unfähigkeit (…) der beiden sich gegenüberstehenden Klassen, der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse, ihre eigene Perspektive durchzusetzen (Krieg oder Revolution), was zu einer Situation der “momentanen Blockade” und einem Verrotten der Gesellschaft führte”. Im Gegenteil interpretieren sie daraus in ironischer Art und Weise, ohne die wirkliche Natur dieser Analyse zu verstehen, dass “die Arbeiter, welche im Alltag die Zuspitzung ihrer Ausbeutung und die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen sehen, glücklich sind zu erfahren, dass ihre Klasse fähig sei, die Bourgeoisie zu blockieren und sie daran zu hindern, ihre “Perspektive” umzusetzen”.

Die IKP interpretiert das, was wir wirklich über die Idee der “Blockade der Bourgeoisie durch die Arbeiterklasse” sagen, falsch, ohne sich ernsthaft mit den politischen Inhalten, die wir vertreten, auseinanderzusetzen: Die gesamte Gesellschaft steht in einer Situation, in der keine der zwei bestimmenden Klassen der Gesellschaft ihre Perspektive durchsetzen kann. Sie steht in einer Situation der perspektivlosen, täglichen kapitalistischen Ausbeutung. In diesem Kontext ist die Bourgeoisie nicht in der Lage, einen politischen Horizont aufzuzeigen, der eine Mobilisierung und Unterstützung erlaubt. Auf der anderen Seite ist die Arbeiterklasse nicht fähig, sich als Klasse wahrzunehmen und eine entscheidende und genügend bewusste Rolle zu spielen. Es ist diese Situation, welche zur Blockade jeglicher Perspektive führt. Die Phase des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft ist mitnichten eine “Erfindung” oder eine “vage Idee” der IKS. Marx selbst formulierte am Anfang des Kommunistischen Manifests diese Möglichkeit aufgrund der historischen Erfahrungen der Klassengesellschaften: “Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigner, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zu einander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedes mal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete, oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen. Als “kämpfende Klassen” gibt es heute nur die Bourgeoisie und das Proletariat. Der Marxismus ist die Frage der historischen Alternative nie in einer schematischen Art und Weise angegangen. Wenn unter den heutigen Bedingungen die revolutionäre Klasse nicht in der Lage ist, sich durchzusetzen und den Weg einer neuen Produktionsweise einzuschlagen, den Kommunismus, dann wird durch ihre Unfähigkeit und historische Niederlage die kapitalistische Gesellschaft ins Chaos und die Barbarei versinken: genau dies ist der “gemeinsame Untergang der kämpfenden Klassen”.

Die Grundlagen der Phase des Zerfalls

Was bestimmt und erklärt die gegenwärtige Phase des Versinkens des dekadenten Kapitalismus im Zerfall der Gesellschaft?[3] Die Bourgeoisie ist in einer dauerhaften ökonomischen Krise gefangen, was für die Arbeiterklasse immer mehr Elend, Unsicherheit, Angriffe gegen die Lebensbedingungen und Ausbeutung bedeutet. Auf der anderen Seite gelingt es der Bourgeoisie nicht, ihre „Lösung“ gegenüber der ökonomischen Krise durchzusetzen: einen neuen Weltkrieg. Zwischen 1968 und 1989 konnte die Bourgeoisie wegen des internationalen Wiedererstarkens des Klassenkampfes die Arbeiterklasse nicht in die Vorbereitungen für einen neuen Weltkonflikt lotsen. Nach 1989, mit dem Verschwinden der zwei imperialistischen Blöcke infolge des Zusammenbruchs des Ostblocks, verschwanden die diplomatischen und militärischen Bedingungen für einen neuen Weltkrieg: Die Bourgeoisie war nicht mehr in der Lage, neue imperialistische Blöcke zu bilden.

Die Auflösung der imperialistischen Blöcke bedeutete aber keineswegs das Ende der militärischen Konflikte. Der Imperialismus verschwand keineswegs, er nahm lediglich andere Formen an, indem jeder Staat versucht, seine eigenen Interessen und Gelüste gegen die Interessen der anderen durchzudrücken, dies auf Kosten stabiler Allianzen. Es entstand eine Situation des „Jeder gegen Jeden“ und einer Tendenz hin zum Chaos und grausamen militärischen Konflikten. Seit 1989 haben sich Konflikte vermehrt, in denen sich die großen und mittleren imperialistischen Mächte mittels kleiner Staaten, bewaffneter Banden oder instrumentalisierter ethnischer Gegensätze bekämpfen.

Die Bourgeoisie kann die Arbeiterklasse also nicht länger für den Traum einer „neuen Weltordnung des Friedens und Wachstums“ mobilisieren, wie ihn Bush sen. nach dem Zusammenbruch des Ostblocks versprach und der kurz darauf kläglich verpuffte.

Die Arbeiterklasse, welche zwischen 1968 und Ende der 1980er Jahre immer wieder Wellen des Widerstandes gegen die Krise und die Angriffe auf ihre Lebensbedingungen hervorbrachte, zeigte in den zentralen Ländern, dass sie nicht bereit war, sich für einen neuen Weltkrieg zu opfern. Dennoch gelang es der Arbeiterklasse nicht, ihre Kämpfe zu politisieren und damit die bewusste Perspektive einer Überwindung des Kapitalismus greifbar zu machen, nicht zuletzt wegen des enormen Gewichts der langen Jahre der Konterrevolution und den anhaltenden Illusionen in einen angeblich proletarischen Charakter der linken Parteien und der Gewerkschaften. Im Gegensatz zu 1905 und 1917, und vor allem nach dem August 1980 in Polen, war die Arbeiterklasse nicht fähig, sich auf ein politisches Terrain zu begeben, eine Bedingung für die revolutionäre Veränderung der Gesellschaft, und auch nicht fähig, ihre Verteidigungskämpfe in einen internationalen politischen Kampf zu verwandeln, der eine revolutionäre Perspektive in sich trägt.

Der Bankrott der stalinistischen Regime während des brutalen Zusammenbruchs des Ostblocks erlaubte es der Bourgeoisie, die größte Lüge des 20. Jahrhunderts zu stärken – die Identifikation des Stalinismus mit dem Kommunismus – und eine riesige Kampagne über den „Bankrott des Marxismus“ und den „Tod des Kommunismus“ zu entfalten, welche die Idee beinhaltet, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gebe. All das erklärt die enormen Schwierigkeiten, mit denen die Arbeiterklasse heute konfrontiert ist: der Verlust der Klassenidentität und des Selbstvertrauens, der Verlust des Vertrauens in ihren Kampf, hin zu einer Orientierungslosigkeit.

Das Aufkommen des Populismus und antisozialer Phänomene

Diese Schwierigkeiten, neben anderen, erlaubten die Entstehung populistischer Ideen in der Gesellschaft, inklusive innerhalb der schwächsten Teile der Arbeiterklasse. Denn die Arbeiterklasse ist ebenfalls von der schädlichen Atmosphäre, welche durch den zerfallenden Kapitalismus und die Politik der Bourgeoisie entsteht, beeinflusst.

Im Rahmen von mangelnden politischen Perspektiven verstärkt sich das Misstrauen gegen alles, was sich als „politisch“ ausgibt (so diskreditieren sich die traditionellen politischen Parteien der Bourgeoisie), während umgekehrt die populistischen Ideen Zulauf erhalten, welche die „Ablehnung der Eliten“ predigen. Dies kombiniert sich mit dem Gefühl des „No future“ und dem Aufblühen aller Arten von individualistischen Ideologien, dem Rückzug auf reaktionäre, archaische und nihilistische Modelle.

Der Artikel von Le Prolétaire behauptet: „Die populistische Orientierung ist von typisch kleinbürgerlicher Natur: Das Kleinbürgertum, das sich zwischen den zwei Hauptklassen der Gesellschaft befindet, hat Angst vor dem Kampf dieser zwei Klassen und davor, zermalmt zu werden. Deshalb wendet es sich gegen alles, was den Klassenkampf aufwecken könnte, und schwört auf „das Volk“ und die „Einheit des Volkes“. Für die IKP war der Populismus von Beginn weg Ausdruck des Wesens und der Ideologie des Kleinbürgertums, und nichts weiter. Sie analysieren den Populismus nicht als einen Ausdruck des perspektivlosen Kapitalismus und seiner Dynamik in der Periode des Zerfalls. Auch wenn der Populismus durch verschiedene Faktoren vorangetrieben wird (Wirtschafskrise von 2008, Auswirkungen der Kriege, Terrorismus, Flüchtlingskrise), so ist er allem voran ein konzentrierter Ausdruck der gegenwärtigen Unfähigkeit der beiden Hauptklassen in der Gesellschaft, der Menschheit eine Zukunft anbieten zu können.

Dies ist die globale Wirklichkeit, mit der die Arbeiterklasse und die gesamte Gesellschaft konfrontiert sind. Es ist wichtig zu erkennen, dass das gegenwärtige Anwachsen anti-sozialer Verhaltensweisen und die gegenwärtige Schwäche der Arbeiterklasse, eine revolutionäre Perspektive zu entwickeln, zentrale Aspekte dieser Situation sind. Es zeigt ein grundsätzliches Problem auf, welches nicht identisch ist mit der Situation unmittelbar nach den 1990er Jahren, und noch weniger mit der simplen kleinbürgerlichen Natur des Populismus des 19. Jahrhunderts.

Die IKP teilt unsere Analyse nicht, und deshalb sollte sie einen generellen Rahmen für eine andere Sichtweise gegenüber der gegenwärtigen Situation aufzeigen. Eine lediglich ironische Antwort genügt da keinesfalls.

Die wirklichen Fragen für die Arbeiterklasse angesichts des Zerfalls

Wenn das Proletariat nicht in der Lage ist, den Weg des revolutionären Kampfes zu finden, wird die Gesellschaft als Ganzes in Katastrophen aller Art versinken: Bankrotte, ökologische Katastrophen, Ausweitung lokaler Kriege, Versinken in Barbarei, soziales Chaos, Hungersnöte ... Das hat nichts mit einer Prophezeiung zu tun. Es kann aus dem einfachen und guten Grund nicht anders sein, weil die zerstörerische Logik von Kapital und Profit, die wir jeden Tag am Werk sehen, dem System zutiefst innewohnt und unumkehrbar ist. Der Kapitalismus kann seinem Wesen nach nicht "vernünftig" werden und bleibt in seinen eigenen Widersprüchen stecken.

1. Der Klassenkampf des Proletariats ist nicht, wie die IKP meint, das mechanische "Instrument" eines absolut bestimmten "historischen Schicksals". In der Deutschen Ideologie kritisieren Marx und Engels eine solche Vision heftig: "Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen Generationen, von denen Jede die ihr von allen vorhergegangenen übermachten Materialien, Kapitalien, Produktionskräfte exploitiert, daher also einerseits unter ganz veränderten Umständen die überkommene Tätigkeit fortsetzt und andererseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert, was sich nun spekulativ so verdrehen lässt, dass die spätere Geschichte zum Zweck der früheren gemacht wird, z.B. dass der Entdeckung Amerikas der Zweck zugrunde gelegt wird, der Französischen Revolution zum Durchbruch zu verhelfen.“

2. Das bedeutet nicht, dass das Proletariat, weil ein Teil an der Urne für die populistischen Parteien stimmt, fremdenfeindlich oder fundamental nationalistisch geworden ist. Wie wir in unserer auf dem 22. Kongress der IKS angenommenen Resolution zum internationalen Klassenkampf betont haben: „Viele Arbeiter_innen, die heute für populistische Kandidaten stimmen, können sich von einem Tag zum nächsten im Kampf vereint mit ihren Klassenbrüdern und -schwestern befinden; dasselbe trifft auch auf Arbeiter_innen zu, die von anti-populistischen Demonstrationen eingefangen sind.“

Der Ausgang des Klassenkampfes ist aber keinesfalls schon festgelegt, wie dies in der falschen Vision Bordigas ausgedrückt wird: „Ein Revolutionär ist (unserer Meinung nach) jemand, für den die Revolution so sicher ist, als wäre sie bereits geschehen“. Nein, die proletarische Revolution ist nicht schon im Voraus bestimmt! Sie kann nur durch die bewusste Handlung der Arbeiterklasse in einem lebendigen historischen Kampf erreicht werden, gegen alle Hindernisse und gegen die herrschende Klasse, welche sich verteidigen wird und dabei ihr Gift und ihre Grausamkeit einsetzen wird.

Angesichts der Schwierigkeiten, mit denen das Proletariat konfrontiert ist, müssen Revolutionäre mehr denn je die ideologische Instrumentalisierung, die die Bourgeoisie aus den Tendenzen zur Auflösung der gegenwärtigen Gesellschaft einsetzt, analysieren und anprangern.

Den Populismus verstehen bedeutet, den Zerfall zu verstehen. Das heißt, die Gefahr, die über der Arbeiterklasse und der gesamten Menschheit schwebt, die Schwierigkeiten und Hindernisse denen wir in diesem Zusammenhang begegnen, zu verstehen, um sie besser bekämpfen zu können und uns gegen sie zu wappnen. Trotz des Gewichts des Populismus und seiner Gefahren hat die Arbeiterklasse immer noch die einzig mögliche Alternative zum Kapitalismus anzubieten, und ihre Ressourcen sind grundsätzlich intakt, um diesen Kampf zu führen und zu entwickeln.

CB, 26. März 2018

[1] Populisme, vous avez dit populisme?, Le Prolétaire Nr. 523, (Febr., März, April 2017)

[2] Wir empfehlen den Leser_innen die Lektüre unserer Polemik mit Le Prolétaire zur grundlegenden Frage der Dekadenz: Le rejet de la notion de décadence conduit à la démobilisation du prolétariat face à la guerre, Revue Internationale Nr. 77 und 78, 1994 (frz., engl., span. Ausgabe).    

[3] Wir empfehlen den Leser_innen unseren Text Der Zerfall, die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus vom Mai 1990. Internationale Revue Nr. 13 (http://de.internationalism.org/Zerfall/13) sowie den Text Die Dekadenz des Kapitalismus verstehen, Internationale Revue 10, 11, 12 (http://de.internationalism.org/ir10/1988_poldekadenz, http://de.internationalism.org/ir11/1989_poldekadenz, http://de.internationalism.org/ir/12/1990_poldekadenz03).   

Rubric: 
Weltrevolution Nr. 182

Wir veröffentlichen hier eine Antwort auf die Analyse welche Emma Goldman (1869-1940) in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution 1917 erarbeitete. Nach ihrer Deportation aus den USA im Januar 1920, verbrachte sie zwei Jahre in Russland und veröffentlichte danach drei Bücher[1].

Ich war der Meinung und bin es heute noch, dass das russische Problem viel zu kompliziert ist, als dass man darüber mit einigen leichtfertigen Worten hinweggehen könnte“, schrieb sie in der Einleitung zu ihrem ersten Buch.

Wir antworten auf Emma Goldman weil sie eine zentrale Figur der revolutionären Arbeiterbewegung in den  USA zur Zeit des Ersten Weltkrieges war. Wegen ihrer Entschlossenheit eine klare internationalistische Position gegen den Krieg zu erheben, wurde sie von der amerikanischen herrschenden Klasse als „Rote Emma - die gefährlichste Frau Amerikas“ bezeichnet. Es gibt aber noch zwei andere Gründe Goldmans Positionen näher zu betrachten. Einerseits wegen ihres großen Einflusses im anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Milieu bis heute – die „Rosa Luxemburg der Anarchisten“, und andererseits weil ihre früh formulierte Analyse zur Entwicklung und den aufgetauchten Problemen in der Russischen Revolution von großer Ehrlichkeit und Verantwortung zeugen. Goldmans Anstrengungen sind noch heute ein wertvoller Beitrag die Degeneration der Russischen Revolution zu verstehen, auch wenn man einige ihrer Positionen nicht teilen kann.

Goldman, Anarchistin mit familiären Wurzeln in Russland, lehnte sich an die Theorien der einflussreichen anarchistischen Autorität Peter Kropotkin an, repräsentierte jedoch in ihren Aktivitäten eine anarcho-syndikalistsiche Haltung. Den Marxismus als politische und theoretische Orientierung verwarf sie klar. Was Goldman von Kropotkin unterschied, war ihre Entschlossenheit mit anderen wie Malatesta und Berkman im Februar 1915 eine entschiedene Stellung gegen das sogenannte Manifest der 16 zu beziehen, mit dem sich Kropotkin und andere Anarchisten zur beschämenden Zustimmung für den Ersten Weltkrieg heruntergelassen hatten. Goldman vertrat eine klar internationalistische Position die jegliche Beteiligung, Unterstützung oder auch nur Duldung des Krieges verurteilte, und sie wurde damit zu einem internationalistischen Orientierungspunkt in den USA.

Es ist unser Anliegen, in diesem Artikel den politischen Ausgangspunkt Goldmans gegenüber der Russischen Revolution, ihre Erfahrungen, sowie ihre Schlussfolgerungen zu betrachten. Um es vorwegzunehmen: Ihre Beobachtungen, getragen von einem tiefen proletarischen Instinkt, eine ausgeprägte Errungenschaft Goldmans, müssen von einigen ihrer zentralen politischen Schlussfolgerungen getrennt werden. Um einen ausreichenden Einblick in die Position Goldmans zu erlauben, kommt man nicht umhin auch längere Zitate einzufügen. Da es nicht möglich ist auf alle Aspekte ihrer Analyse einzugehen, sind wir gezwungen eine Auswahl zu treffen und zu einer direkten Lektüre ihrer Schriften zur Russischen Revolution sowie ihrer Autobiografie aufzurufen.

Zwei Fragen beschäftigten Goldman stetig: Die Verschmelzung der Bolschewiki mit dem Staatsapparat und deren Konsequenzen, und ihre eigene schmerzhafte Zerrissenheit über den Zeitpunkt der es erlaubt oder gar erfordert, ihre Kritik gegenüber den Bolschewiki offen darzulegen - etwas das sie nach monatelangem schmerzhaften Zögern auch tat. Andere politische Sorgen Goldmans können wir hier nicht aufgreifen, wie den „Roten Terror“, die Tscheka, Brest-Litowsk, die Machno-Bewegung in der Ukraine, die Rastwojartska (die unnachgiebige Eintreibung von Lebensmitteln bei der Bauernschaft, was somit auch das Verhältnis zwischen der Arbeiterklasse und den Bauern beinhaltet), die katastrophale Situation des Kindes[2] oder ihre Position zu den Arbeiterräten. Ihre Erfahrungen und Analysen zum Aufstand vom März 1921 in Kronstadt sind jedoch wichtig, da dies Goldmans Bruch mit den Bolschewiki bedeutete.

„Die Wahrheit über die Bolschewiki“

Der Ausbruch der Oktoberrevolution erfüllte sie mit großem Enthusiasmus: „Zwischen November 1917 und Februar 1918, auf Kaution aus der Haft wegen meiner Haltung gegen den Krieg freigelassen, reiste ich durch Amerika um die Bolschewiki zu verteidigen. Ich veröffentlichte eine Broschüre zur Aufklärung über die Russische Revolution und zur Rechtfertigung der Bolschewiki. Ich verteidigte sie trotz ihrer marxistischen Theorie als praktische Verkörperung des Geistes der Revolution.“ [3]

In der anarchistischen Zeitschrift MOTHER EARTH veröffentlichte sie 1918 einen Artikel mit dem Titel Die Wahrheit über die Bolschewiki: „Die Russische Revolution bedeutet nichts, außer sie vernichtet die Landgebühr und setzt dem entthronten Zaren seinen kapitalistischen Partner, den entthronten Großgrundbesitzer, zur Seite. Dies erklärt den historischen Hintergrund der Bolschewiki und ihre soziale und ökonomische Rechtfertigung. Sie sind mächtig weil sie das Volk verkörpern. Im Moment wo sie aufhören dies zu tun müssen sie gehen, so wie die Provisorische Regierung Kerenskis. Denn niemals wird das russische Volk zufrieden sein, oder der Bolschewismus hört auf, bis das Land und die Lebensmittel zum Erbe der Kinder Russlands werden. Sie haben zum ersten Mal seit Jahrhunderten bestimmt dass sie gehört werden sollen, und dass ihre Stimmen das Herz nicht der herrschenden Klassen erreichen werden – denn sie wissen, dass diese kein Herz haben - aber die Herzen der Völker der Welt, einschließlich der Leute der Vereinigten Staaten. Darin liegt die tiefe Bedeutung der Russischen Revolution, wie sie von den Bolschewiki symbolisiert wird. (...) Die Bolschewiki sind gekommen, um die Welt herauszufordern. Sie kann nie mehr ruhen in ihrer alten schmutzigen Bequemlichkeit. sie muss die Herausforderung annehmen. Sie hat es bereits in Deutschland, in Österreich und Rumänien, in Frankreich und Italien, ja sogar in Amerika akzeptiert. Wie plötzliches Sonnenlicht breitet sich der Bolschewismus über die ganze Welt aus, erleuchtet die große Vision und erwärmt sie ins Sein - das neue Leben der menschlichen Brüderlichkeit und des sozialen Wohlergehens.“ [4]

Goldmans Standpunkt gegenüber den Bolschewiki war 1918 alles andere als ablehnend. Ganz im Gegenteil, ihre Verteidigung der Russischen Revolution und der Bolschewiki war eine höchst verantwortungsvolle Reaktion gegenüber der Lügenkampagne der Amerikanischen Bourgeoisie und deren Rolle innerhalb des international koordinierten, brutalen Feldzugs gegen das revolutionäre Russland. Ihre radikale Kritik nach zwei Jahren in Russland war immer von der Absicht getragen, die Oktoberrevolution gegen die äußeren Feinde, als auch gegen die innere Degeneration zu verteidigen. Das war die Hauptsorge ihrer Aktivitäten und Schriften.

Enthusiasmus und Enttäuschung

Der Wechsel in Goldmans Einschätzung  über die Entwicklungen in Russland kann in eindrücklicher Weise durch zwei kurze Zitate aufgezeigt werden. Ihre Ankunft im Januar 1920 in Petrograd beschreibt sie mit überschwänglichsten Worten: „Sowjetrussland! Geheiligter Boden, magisches Volk! Nun bist  du zum Symbol der Hoffnungen der Menschheit geworden, du allein bist dazu bestimmt die Welt zu erlösen. Ich bin hier um dir zu dienen, geliebte Matuschka. Nimm mich an deine Brust, lass mich in dir aufgehen, mein Blut mit deinem mischen, meinen Platz in deinem heroischen Kampf finden und mich das Äußerste für dich geben!“ [5]

Doch dann, zwei Jahre später, als letzte Beschreibung ihres Aufenthalts in Russland  finden wir folgendes: „Im Zug, 1. Dezember 1921! Meine Träume zerstört, mein Glaube gebrochen, mein Herz ein Stein. „Matuschka Rossija“ blutend aus tausend Wunden. Ihre Erde bedeckt mit Toten. Ich klammerte mich an den Griff der vereisten Fensterscheibe, biss die Zähne zusammen und unterdrückte mein Schluchzen.“ [6] “Es waren nun beinahe ein Jahr und elf Monate vergangen seit ich meinen Fuß auf das gesetzt hatte, das mir das gelobte Land zu sein schien. Die russische Tragödie lastete schwer auf meinem Herzen. Nur noch ein Gedanke beschäftigte mich: Ich muss meine Stimme gegen die Verbrechen im Namen der Revolution erheben. Ich muss gehört werden, unabhängig ob von Freund oder Feind.“ [7] Was war also zwischen ihrer Ankunft 1920 und der Abreise zwei Jahre später geschehen? War ihre Enttäuschung  lediglich Ergebnis einer naiven Erwartung die nun von der Realität eingeholt worden war? Wir werden am Ende des Artikels nochmal auf die zweite Frage  eingehen.

Die Isolation der Russischen Revolution

Goldman maß der internationalen Isolierung der Russischen Revolution eine große Bedeutung zu, welche ihrer Meinung nach in den ersten Jahren der Sowjetmacht eine entscheidende Rolle spielte. Wie wir aber später sehen werden, findet man in ihren Schriften kaum eine Beschreibung der politischen Isolierung und weshalb die Arbeiterklasse in den anderen Ländern die Macht nicht ergreifen konnten. Nur eine Ausdehnung der Revolution hätte die Fehler der Bolschewiki korrigieren können.

In Ihrem Buch Der Niedergang der Russischen Revolution von 1922, unterstreicht Goldman zu Beginn, wie die Isolation Russlands der Revolution allen Atem nahm und dass die Situation eines Weltkrieges die schlechtesten Bedingungen für eine Revolution schuf: „Der Kreuzzug gegen Russland begann. Die Eindringlinge mordeten Millionen von Russen, durch die Blockade verhungerten Hunderttausende von Frauen und Kindern, und Russland verwandelte sich in eine ungeheure Einöde, wo die Agonie und die Verzweiflung ihre Heimstätte aufgeschlagen hatte. Die Russische Revolution wurde zu Boden geschlagen, und das Regime der Bolschewiki verstärkte sich ins Unermessliche. Dies ist das Endergebnis der vierjährigen Verschwörung der Imperialisten gegen Russland.“ [8]

Der international koordinierte Krieg gegen Russland bedeutete eine brutale  Strangulation. Diese tragische Situation außer Acht zu lassen wäre für jede Analyse über die Degeneration und das Scheitern der Russischen Revolution  eine komplett falsche Grundlage, und Goldman erwähnt dies auch immer wieder in ihren persönlichen Erfahrungen. So beschreibt sie zum Beispiel die schreckliche Situation die 1920/21 für Millionen von Kindern durch die erbarmungslose Aushungerung Russlands entstand, welche durch die selbstbereichernden Machenschaften vieler Staatsbürokraten aufs Schlimmste verschärft wurde. In dieser Frage verteidigt Goldman trotz all ihrer harschen Kritik an den Bolschewiki deren Anstrengungen zur Verbesserung der Situation der Kinder: „Es ist wahr, dass die Bolschewiki in Bezug auf das Kind und die Erziehung ihr Möglichstes getan haben. Es ist auch wahr, dass, wenn es ihnen nicht gelungen ist, den Nöten der Kinder in Russland Einhalt zu gebieten, dieses mehr die Schuld der Feinde der Russischen Revolution als ihre eigene Schuld gewesen ist. Die furchtbaren Folgen der Intervention und Blockade fielen am schwersten auf die schwachen Schultern der Kinder und Kranken. Aber sogar unter günstigeren Bedingungen würde das bürokratische Monstrum des bolschewistischen Staates die besten Absichten und die gewaltigsten Anstrengungen, welche die Kommunisten zugunsten des Kindes und der Erziehung bekundeten, gelähmt und vereitelt haben. (…) Mehr und mehr musste ich erkennen, dass die Bolschewiki tatsächlich versuchten, alles was in ihrer Kraft stand für das Kind zu tun, dass aber all ihre Bemühungen von der schmarotzenden Bürokratie zunichte gemacht wurden, die ihr Staat selbst ins Leben gerufen hatte.“ [9]

Konkret beschreibt sie die so genannten „Toten Seelen“ [10] : fiktive Kinder, selbst-kreierte oder schon verstorbene, die in den Lebensmittel-Bezugslisten der unteren Bürokratie geführt wurden. Die Bürokraten verbrauchten diese erschwindelten Lebensmittel selbst oder verkauften sie. All dies auf Kosten von hunderttausenden hungernder Kinder, den hilflosesten Opfer der Ausblutung durch die internationale Blockade!

Goldman kann nicht vorgeworfen werden ihre Analyse über den Niedergang der Russischen Revolution außerhalb der alles bestimmenden und tödlichen Situation der Isolation Russland gestellt zu haben. Sie versuchte darüber hinaus, wie in den Zitaten ersichtlich, eine Unterscheidung zu machen zwischen den Bolschewiki und der Staatsbürokratie, worauf wir später eingehen.

Ihre Schwäche liegt vielmehr im Fehlen einer klaren Analyse darüber, dass der Krieg und die Blockade gegen Russland nur möglich waren, weil die Arbeiterklasse gerade in Westeuropa Schritt für Schritt geschlagen wurde, allem voran in Deutschland. Die Arbeiterklasse in Westeuropa und auch in den USA war mit einer viel erfahreneren Bourgeoisie und ausgefeilteren Staatsapparaten konfrontiert als in Russland. Es war aber nicht nur die Niederlage der internationalen revolutionären Welle welche die ausweglose Situation Russlands produzierte, sondern auch die Verspätung der internationalen Arbeiterklasse im Vergleich zu Russland.

In Deutschland begann der Revolutionsversuch erst mehr als ein Jahr nach dem Oktober 1917, was der Strategie der Isolation Russlands lange Zeit freie Hand gab, wie dies die Monate nach den Verhandlungen von Brest-Litowsk zeigten. Eine Machtübernahme des Proletariats in den zentralen Staaten Westeuropas wäre der einzige Weg gewesen, die Ausblutung der Russischen Revolution zu durchbrechen und die Interventionsarmeen zu stoppen. Die Wurzeln der Niederlage der Russischen Revolution zu verstehen, ist nur bei einem genauen Betrachten des internationalen Kräfteverhältnisses zwischen dem Proletariat und der Bourgeoise möglich. Ein Aspekt der in Goldmans Schriften zwar punktuell auftaucht, jedoch kaum entwickelt ist und den Eindruck hinterlässt als hätte sich das Schicksal der Revolution vor allem auf russischem Boden entschieden.

Die Isolierung und Ausblutung Russlands nach dem Oktober 1917 erklärt niemals alle Aspekte der inneren Degeneration, welche schlussendlich die erschütterndste Erfahrung für die Arbeiterklasse war, noch weniger soll sie als Rechtfertigung der Degeneration von innen dienen. Es ist entscheidend zu verstehen, dass der katastrophale Fehler der Bolschewiki sich mit dem Staatsapparat zu identifizieren  nur durch den Einfluss einer erfolgreichen revolutionären Arbeiterklasse in anderen Ländern hätte korrigiert werden können, was tragischerweise nicht der Fall war.[11]

Bei genauer Betrachtung springt ein Widerspruch in den zentralen Thesen Goldmans über das Verhältnis zwischen der internationalen Situation und den Ursachen der Degeneration der Russischen Revolution ins Auge. Einerseits schreibt sie: „Meine Beobachtungen und Studien von zwei Jahren haben mir bis zur Gewissheit klar gemacht, dass das russische Volk, wäre es nicht die ganze Zeit von außen bedroht gewesen, die große Gefahr, die ihm von innen drohte, sehr bald wahrgenommen und abgewendet haben würde, (…).“ Andererseits jedoch: “Wenn jemals ein Zweifel darüber bestand, ob die größte Gefahr  für die Revolution in den Angriffen von außen her oder an der Ausschaltung des Volkes an den Ereignissen und der Lähmung seiner Interessen für die Revolution von innen her zu suchen sei, so hat die Russische Revolution jeden Zweifel darüber in dieser Frage ein für allemal behoben. Die Gegenrevolution, unterstützt von den Alliierten durch Geld versagte vollständig.“ [12]

Wie schon erwähnt, die Isolierung Russlands darf in keiner Weise Ausrede für Fehler sein. Doch Goldman macht eine kuriose Schlussfolgerung in der sie ihren „Beobachtungen und Studien“, wie zuerst zitiert, widerspricht: Die Rettung der Revolution sei im Wesentlichen von den Kräften der Arbeiterklasse im Innern Russlands abhängig gewesen, wobei die internationale Situation viel mehr ein zweitrangiger Faktor gewesen sei. Goldman entwickelt hier eine Logik welche an diejenige Volins[13] erinnert, auch wenn sie nicht soweit geht wie dieser. Sie   behauptet, dass aufgrund der eintretenden Niederlage der Alliierten, die Intervention der überwindbare Teil der Konterrevolution gewesen sei, da die  Alliierten schlussendlich ja zurückgeschlagen werden konnten

Was in dieser simplen Logik untergeht, ist die Auswirkung der komplett demoralisierenden und das Leben zehntausender von entschlossensten Revolutionären fordernden Schlächterei[14], welche Goldman ja selbst treffend beschrieben hat. Diese gefallenen, bewussten Revolutionäre welche sich zu tausenden freiwillig an die Front stellten, hätten der inneren Konterrevolution wohl am ehesten etwas entgegensetzen können.

Die beiden Faktoren, die Strangulation und die Fehler der Bolschewiki, verstärkten sich gegenseitig. Der wesentliche Unterschied bestand darin, dass der Krieg gegen Russland für alle ersichtlich war, während die Degeneration im Inneren viel verdeckter begann und schlussendlich für die internationale Arbeiterklasse zum Trauma des Jahrhunderts wurde. Goldmans Schlussfolgerungen sind im wesentlichen Ausdruck des großen Problems die Konterrevolution von außen und deren Auswirkungen auf die konterrevolutionäre Degeneration von innen zu verstehen, eine Schwierigkeit mit der alle Revolutionäre in den 1920er Jahren konfrontiert waren.

Der Krieg schafft schlechte Bedingungen für die Revolution

Ein zu anerkennender Beitrag Goldmans die Niederlage der Russischen Revolution zu verstehen ist ihr Standpunkt über die Bedingungen für die Revolution während und nach einem Krieg, auch wenn wir ihre Schlussfolgerung nicht teilen: „Vielleicht war das Schicksal der russischen Revolution bereits bei ihrer Geburt entschieden. Die Revolution folgte einem vierjährigen Kriege direkt auf den Fersen, einem Kriege, der Russland seiner besten Manneskraft beraubt, sein Blut in Strömen vergossen und das ganze Land verwüstet hatte. Unter solchen Umständen wäre es begreiflich gewesen, wenn die Revolution nicht die nötige Kraft hätte aufbringen können, um dem wütenden Anprall der ganzen übrigen Welt zu widerstehen.“ [15]

Hier unterstreicht sie richtigerweise das direkte Ergebnis des Krieges und gibt eine Antwort auf falsche, schematische Auffassungen nach denen die Krise automatisch den Krieg, der Krieg automatisch das Klassenbewusstsein vertieft und dann die Revolution ermöglicht. Goldman streicht hier die Erschöpfung in Russland selbst durch den Krieg hervor, die unbestreitbar nur zu Ungunsten der Arbeiterklasse war. Aber der Gedanke, das Schicksal der Revolution sei womöglich „bereits bei ihrer Geburt entschieden„ ist eine eigenartig fatalistische Herangehensweise.

Es gab einen gewichtigen Faktor der sich nicht in Russland selbst ausdrückte. Der Erste Weltkrieg endete im November 1918, also ein Jahr nach dem Oktober 1917. Wie schon unterstrichen, war die alleinige Hoffnung des Oktobers das schnellstmögliche Übergreifen der Revolution auf andere Länder, und vor allem eine schnell folgende revolutionäre Welle in Westeuropa. Dies war eine Perspektive welche historische möglich gewesen ist und die Arbeiterklasse hatte keine andere Wahl als ihren Kampf in diese Richtung voranzutreiben.

Der Krieg endete mit Gewinner- und Verliererländern. Wenn die Niederlage der Verliererstaaten deren Regierungen schockte, sie schwächte und eine revolutionäre Dynamik stärkten, so war dies in den gestärkten Siegerstaaten nicht der Fall. In den Siegerstaaten, in denen die Arbeiterklasse vier Jahre lang von der herrschenden Klasse schmerzhaft durch die Kriegsschlächterei getrieben worden war, untergrub der Wunsch nach Friede und Stabilität die revolutionären Anstrengungen des Proletariats enorm, so in Ländern wie Frankreich, England, Belgien, Holland und Italien. Es war nicht nur das Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen Staaten welches nach dem Krieg anders aussah, sondern auch der unterschiedliche Geist in den Massen der auf den Schultern der Arbeiterklasse lastete und sie in Sieger und Verlierer spaltet. Goldman wirft das Problem der schlechten Bedingungen eines Krieges für die Revolution auf, sie reduziert es aber  alleine auf die Auswirkungen dieser Situation Russland selbst.

Welche Möglichkeiten nach einer Revolution?

Was war in Russland an Veränderungen überhaupt möglich, in einer Zeit der kompletten Einkreisung und Aushungerung? Im Lager der Anarchisten gab es darüber sehr unterschiedliche Auffassungen. Bezeichnend aber war die große Erwartung an sofortige Verbesserungen, gerade auf der Ebene von wirtschaftlichen Maßnahmen und dem Umkrempeln der Produktion, und damit Verbesserungen im täglichen Leben das verzweifelt nach einer Veränderung schrie. Was waren die Erwartungen Goldmans in einer Zeit, kaum zwei Jahre nach dem Oktober 1917? Erwartete sie bei ihrer Ankunft im Januar 1920 mit Ungeduld eine in Russland schon existierende Gesellschaft anzutreffen welche den Bedürfnissen der Menschen gerecht wird? In ihrer ersten Begegnung mit Maxim Gorki, in einem Zug nach Moskau, erklärte sie ihm: „Du glaubst mir hoffentlich auch, wenn ich sage, dass obwohl ich Anarchistin bin, nicht so naiv bin zu meinen, dass sich der Anarchismus über Nacht aus den Trümmern der alten Russland erhebt.“ [16]

Aus Gesprächen mit Alexander Berkman, ihrem über Jahrzehnte hinweg engsten politischen und persönlichem Gefährten, berichtet sie folgendermaßen: “Er wies die Anschuldigungen (gegen die Bolschewiki) als unverantwortliches Geschwätz unfähiger ewig nörgelnder Leute zurück. Die Anarchisten in Petrograd wären wie so viele in unseren Reihen in Amerika, die nichts täten und nur kritisieren, sagte er. Vielleicht wären sie so naiv gewesen und hätten erwartet, dass der Anarchismus über Nacht aus den Ruinen der Autokratie, aus dem Krieg und den Fehlern der provisorischen Regierung hervorgehen würde.“ [17] Goldman maß die Russische Revolution nicht mit einer blauäugigen, lediglich auf sofortige Verbesserungen der Lebensbedingungen und der Wirtschaft ausgerichteten Elle.[18]

Bei der Frage der sofortigen Möglichkeiten zur Umwälzung der Gesellschaft im Interesse der Arbeiterklasse und anderen unterdrückten Schichten, wie in Russland das Millionen zählende  Bauerntum, stellt Goldman ihre Ansichten wieder in einen Rahmen der die internationale Situation nicht außer Acht lässt. Sie war auch nicht zu scheu, Anstrengungen der Bolschewiki (wie wir es bei der Frage der Situation der Kinder gesehen haben, welche sofortige und drastische Maßnahmen forderten) zu verteidigen und Positionen anderer Anarchisten scharf zu kritisieren. Goldman verfiel nicht in Allianzen des gegenseitigen unkritischen Schweigens mit anderen Anarchisten. Wir wissen nicht wie sie gegenüber ungeduldigen Anarchisten welche nur das sofortige Umwälzen der Gesellschaft erwarteten argumentierte. Doch diese Auseinandersetzungen in den Reihen der Anarchisten zeigen auf, dass es im Russland der Revolution keineswegs einen homogenen Anarchismus gab.

Die Frage von möglichen Sofortmaßnahmen zur schnellen Linderung des Leidens stellte sich für die Arbeiterklasse und das Bauerntum in ihrer Gesamtheit in höchstem Maße und war nicht lediglich Thema ungeduldigster Teile des Anarchismus, bei denen diese Frage  oft einzig und allein über ihr Verhältnis gegenüber den Bolschewiki entschied. Für die Arbeiterklasse ist die Revolution keine abstrakte historische Folgerichtigkeit. Geknüppelt durch jahrzehntelange brutale Ausbeutung und leidend unter der Schlächterei des Weltkrieges von 1914-1918 waren größte Hoffnungen auf eine Sonne am Horizont des Lebens mehr als angebracht und verständlich. Sie stellten eine bedeutende Triebkraft zur revolutionären Überzeugung und zur Kampfbereitschaft dar die den Oktober ermöglichte. Angesichts der unmittelbaren Realität einer Strangulation des revolutionären Russlands, des Hungers und des Krieges gegen die Weißen Armeen, erhob sich die erwartete Sonne am Horizont nicht. Ausblutung und Demoralisierung lasteten schwer auf der Arbeiterklasse. In dieser fast ausweglosen Situation nahm Goldman eine verantwortungsvolle Haltung der Geduld und des Durchhaltens ein, welche aber in der schrittweisen Niederschlagung der weltrevolutionären Welle nach dem Krieg für alle Revolutionäre nur mit enormem Willen und politischer Klarheit aufrecht erhalten werden konnte. 

Die Bolschewiki und der Staatsapparat: Schiffbruch des Marxismus?

In ihrer Analyse zur Frage der Dynamik des anwachsenden Staatsapparates nach dem Oktober wurde Goldman ihrem Anspruch gerecht, dass das russische Problem viel zu kompliziert sei, als dass man darüber mit einigen leichtfertigen Worten hinweggehen könnte. Sie widmet dieser Frage große Aufmerksamkeit und zeichnet sich durch präzise Beobachtungen und Reflexionen aus. Dennoch sind viele ihrer Schlussfolgerungen nicht zu teilen! Ihre Schriften beinhalten Widersprüche zur Frage des Verhältnisses zwischen den Bolschewiki und dem aufkommenden Staatsapparat.

1922 war sie noch nicht fähig eine tiefe Analyse mit Distanz zu machen, so wie es Ende der 20er und anfangs der 30er Jahre möglich war, als sich die Italienische Kommunistische Linke dieser Aufgabe stellte. Sehr dominierend bei ihrer Analyse und ihren Schlussfolgerungen sind zweifellos einige anarchistische Prinzipien zur Frage des Staates.

Es ist notwendig, zuerst Goldmans Gedanken dazu in ausgedehnter Form zu betrachten: „Die ersten sieben Monate meines Aufenthalts in Russland hatten mich nahezu vernichtet. Ich war angekommen mit so viel Begeisterung im Herzen, ganz und gar beseelt von dem leidenschaftlichen Verlangen, mich in die Arbeit stürzen zu können und mitzuhelfen, die heilige Sache der Revolution zu verteidigen. Aber was ich in Russland fand, überwältigte mich geradezu. Ich war nicht fähig, irgend etwas zu tun. Das Rad der sozialistischen Staatsmaschine ging über mich hinweg und lähmte meine Energie. Das furchtbare Elend und die Bedrängnis des Volkes, die kaltherzige Ignorierung seiner Wünsche und Bedürfnisse, die Verfolgungen und Unterdrückungen lagen mir wie ein Berg auf der Seele und machten mir das Leben unerträglich. War es die Revolution, die Idealisten in wilde Bestien verwandelt hatte? Wenn dies der Fall war, so waren die Bolschewiki bloß Schachfiguren in der Hand eines unvermeidlichen Schicksals. Oder war es der kalte, unpersönliche Charakter des Staates, dem es gelungen war, durch verwerfliche und unehrliche Mittel die Revolution in sein Joch zu spannen, um sie nun auf Wege zu peitschen, die ihm unentbehrlich waren? Ich fand keine Antwort auf diese Fragen - wenigstens nicht im Juli 1920.“ [19]

„In Russland jedoch vertreten die Gewerkschaften weder im konservativen und noch weniger im revolutionären Sinne die Bedürfnisse der Arbeiter. Sie sind dort nicht mehr wie das untergeordnete und militaristisch ausgebildete Werkzeug des bolschewistischen Staates. Die "Schule des Kommunismus", wie Lenins These über die Aufgabe der Gewerkschaften lautet. Aber sie sind sogar das nicht. Eine Schule setzt den freien Meinungsausdruck und die Initiative des Schülers voraus, während die Gewerkschaften in Russland bloß militärische Kasernen für mobilisierte Arbeiterarmeen sind, denen jeder auf Kommando des Staates beizutreten gezwungen ist.“ [20]

„Ich bin überzeugt, dass weder Lunatscharski noch Gorki davon (die Inhaftierung von Kindern durch die Tscheka) eine Ahnung hatten. Aber darin liegt ja gerade der Fluch des ganzen verhängnisvollen Systems. Es nimmt denen, die an der Spitze stehen, die Möglichkeit, zu wissen, was der Schwarm ihrer Untergebenen tut. (…) Sind Lunatscharski solche Fälle bekannt? Wissen andere führende Kommunisten davon? Manche zweifellos. Aber sie sind so sehr mit "wichtigen Staatsangelegenheiten" beschäftigt. Außerdem sind sie gegen solche "Kleinigkeiten" unempfindlich geworden. Und dazu sind sie selbst in denselben verhängnisvollen Kreis hinein gebannt, ist doch jeder von ihnen nur ein Teil des großen bolschewistischen Beamtenapparates. Sie wissen, daß die Zugehörigkeit zur Partei eine Menge Sünden zudeckt.“ [21]

Und bezüglich des Verhältnisses  zwischen dem Staatsapparat und seinen Bürokraten: „In der Kleinstadt in dem er (Kropotkin) lebte, im kleinen Dimitrov, gab es mehr bolschewistische Beamte als es je unter dem Regime der Romanovs gegeben hatte. Sie lebten alle abseits der Massen. Sie waren Parasiten am Körper der Gesellschaft, und Dimitrov war nur ein kleines Beispiel von dem was sich überall in Russland abspielte. Es war nicht der Fehler irgendwelcher bestimmter Individuen: es war vielmehr der Staat der sie kreiert hatte, es diskreditierte jegliches revolutionäres Ideal, erstickte jegliche Initiative und setzte auf Inkompetenz und Verschwendung.“ [22]

Goldmans Beobachtungen zur konkreten Wirklichkeit des Staates beschreiben sehr genau wie der Staat sich mehr und mehr ausbreitet und unaufhaltsam alles einzuverleiben beginnt. Es ist ihre Stärke, detaillierte Eindrücke über das „tägliche Leben“ des bürokratischen Apparates und seine tiefen Konflikte mit den Interessen der Arbeiterklasse und den anderen ausgebeuteten Schichten zu schildern. Ihre Schilderungen waren 1922 nur berechtigt, gegen all die Glorifizierungen die in der internationalen Arbeiterbewegung über die Situation in Russland die Runde machten und der Blindheit gegenüber den großen Problemen die sich in Russland stellten. Zweifellos war Goldmans Stoßrichtung, vor der Gefahr des Staates wie er sich in Russland entwickelte zu warnen in dieser Zeit kostbar, auch wenn ihre Analyse noch vielmehr Bestandsaufnahme und ein erster Anlauf war.

Welche Schlussfolgerungen zieht sie jedoch daraus?  „Es wäre ein Fehler zu  glauben, dass das Scheitern der Revolution ausschließlich dem Charakter der Bolschewiki zuzuschreiben ist. Grundsätzlich ist es Resultat der Prinzipien und Methoden des Bolschewismus. Es sind der autoritäre Geist und die Prinzipien des Staates welche die libertären und befreienden  Aspirationen ersticken. Auch wenn irgendeine andere politische Partei die Kontrolle über die Regierung in Russland hätte, das Resultat wäre grundsätzlich dasselbe. Es sind nicht so sehr die Bolschewiki welche die Russische Revolution erwürgten, sondern vielmehr die bolschewistischen Ideen. Es war der Marxismus, jedoch ein modifizierter, kurzum fanatische Staatsmentalität. (…) Ich habe weiter aufgezeigt, dass nicht nur der Bolschewismus versagte, sondern der Marxismus selbst. Es ist die STAATSIDEE, das autoritäre Prinzip welche durch die russische Erfahrung den Bankrott erlitt. Wenn ich meine ganze Argumentation in einem Satz zusammenfassen will: Die inhärente Tendenz des Staates ist es zu konzentrieren, zu verengen, und alle sozialen Aktivitäten zu monopolisieren; die Natur der Revolution ist, im Gegenteil, zu wachsen, zu erweitern, und sich weiter auszubreiten. Mit anderen Worten, der Staat ist institutionell und statisch, die Revolution fließend und dynamisch. Diese zwei Tendenzen sind unvereinbar und zerstören sich gegenseitig. Die Staatsidee ermordete die Russische Revolution, und sie wird in allen anderen Revolutionen denselben Ausgang nehmen, es sei denn die libertäre Idee überwiegt. (…) Der Hauptgrund der Niederlage der Russischen Revolution liegt tiefer. Er befindet sich im ganzen sozialistischen Revolutionskonzept selbst.“ [23]                 

„Und während die Arbeiter und Bauern Russlands so heroisch ihr Leben einsetzten, wuchs der innere Feind immer mächtiger heran. Langsam aber sicher errichteten die Bolschewiki einen zentralistischen Staat, der die Sowjets zerstörte und die Revolution niederschlug, einen Staat, der sich, was Bürokratie und Despotismus anbelangt, heute mit jedem Großstaat der Welt vergleichen kann.“ [24]

„Es war die marxistische Staatskunst der Bolschewiki, die Taktik, die man zuerst als für den Erfolg der Revolution unumgänglich notwendig gepriesen hatte, um sie später, nachdem sie überall Elend, Misstrauen und Antagonismus verbreitet hatte, als schädlich beiseite zu werfen, welche langsam den Glauben des Volkes an die Revolution untergrub.“ [25]

Goldmans These ist demnach folgende: Der Marxismus an sich erweist sich aufgrund der Politik der Bolschewiki gegenüber dem Staat nach der Revolution als unbrauchbar. Im Gegensatz zu eingefleischt organisationsfeindlichen Teilen des Anarchismus stand Goldman nie auf der Position, dass die Probleme der Bolschewiki lediglich daher rühren dass sie als organisatorischer Körper, eine feste Partei seien. Vielmehr wies sie deren   konkrete Politik zurück. In zwei Punkten liegt sie absolut richtig, wenn sie sagt, dass der Staat in seinem Charakter „institutionell und statisch“ ist. Sie bezieht sich offenbar auf die Erfahrung mit dem bürgerlichen Staat und dessen Charakter vor der Revolution. Goldmans Position ist nicht lediglich emotional, so wie es ihre gewisse Anarchisten damals immer vorgeworfen hatten, sondern sie stützt sich auf der geschichtlichen Erfahrung ab. Der Staat im Feudalismus und im Kapitalismus ist in seinem Wesen durch und durch statisch, und überdies durch die bedingungslose Verteidigung der Interessen und Macht der herrschenden Klasse offen reaktionär. Zweitens teilen wir die Sichtweise, dass das Problem nicht bei einzelnen Persönlichkeiten in den Reihen der Bolschewiki lag, sondern ihren enormen Konfusionen gegenüber dem Staat nach einer Revolution.  

Selbst nach einer weltweiten Proletarischen Revolution (was zur Zeit der Russischen Revolution nie der Fall war da sie weitgehend auf Russland beschränkt blieb) bleibt ein notwendiger, aber auf ein Minimum  beschränkter, durch die Arbeiterräte kontrollierter und absterbender „Halb-Staat“ in seinem Wesen immer konservativ und statisch, und ist keineswegs Treibkraft zur Verwirklichung einer kommunistischen Gesellschaft oder gar ein Organ der Arbeiterklasse. Wie es die Italienische Kommunistische Linke beschrieb: „Der Staat, auch wenn er oft als „proletarisch“ bezeichnet wird, bleibt ein Organ des Zwangs, er bleibt ein akuter und permanenter Gegenspieler der Verwirklichung des kommunistischen Programms; er ist in gewissem Maße die Offenbarung der Beharrlichkeit der kapitalistischen Gefahr während all der Phasen und Entwicklungen in der Übergangsperiode.“[26] Deshalb ist es absolut falsch von einem „proletarischen Staat“ als Organ der Revolution zu sprechen, so wie es die Trotzkisten bezüglich Russland behaupten, aber auch die bordigistische Strömung auf einer theoretischen Ebene bezüglich der Übergangsperiode. Eine solche Idee ist komplett blind gegenüber der lauernden Gefahr einer Vermischung zwischen den Arbeiterräten und der politischen Partei mit dem Staatsapparat – so wie es sich in Russland tragischerweise entwickelte.

Um falsche Diskussionen zu vermeiden ist eine Bemerkung notwendig: Goldman spricht oft von einem „zentralisierten Staat“ welcher von den Bolschewiki aufgebaut wurde. Dies aber nicht weil sie Fürsprecherin eines föderalistischen Konzepts war, so wie Rudolf Rocker der die politische Losung eines enorm föderalistischen Klassenkampfes vertrat.[27] Goldmans Bezeichnung „zentralistisch“ war vielmehr Beschreibung des undurchschaubaren, trägen, korrupten und hierarchischen Staatsapparates in Russland, der auch noch so kleine Maßnahmen zugunsten der Arbeiterklasse und den anderen unterdrückten Schichten der Gesellschaft wie dem Bauerntum sabotierte.

Doch erlitt der Marxismus durch die Prüfung der Revolution kompletten Schiffbruch wie Goldman behauptet? Und wurde im Gegensatz der Anarchismus durch die Russische Revolution bestätigt? Wenn wir die Russische Revolution verstehen wollen, so ist eine solche, bezüglich zweier historischer politischer Strömungen Schiedsrichter-artige Herangehensweise welche dem „Spielfeld der Revolution“ einen Gewinner und einen Verlierer zuspricht, nicht hilfreich.

Wir können in dieser Antwort nicht auf alle Aspekte der tragischen Degeneration der Bolschewiki und der Russischen Revolution eingehen, dies haben wir schon in zahlreichen Texten der IKS getan. Doch auf den sogenannten Schiffbruch des Marxismus als Ganzes müssen wir Goldman antworten. Die Bolschewiki degenerierten, was sich durch ihre Verschmelzung mit den Staatsapparat deutlich ausdrückte, dies ist ein Faktum – doch der Marxismus  scheiterte nicht „in corpore“.

Wie erklärt sich Goldman mit ihrer Methode die Tatsache, dass angesichts der Kriegsfrage und des Internationalismus exakt innerhalb der marxistischen Arbeiterbewegung und auf der Basis ihres historischem Erbes die klarsten und beharrlichsten internationalistischen Positionen entstanden, wie sie durch die Konferenz in Kienthal 1916 verkörpert wurden? Und all dies mit einer marxistischen Organisation, den Bolschewiki, als Speerspitze gegen den Reformismus der gegenüber der Kriegsfrage in die Knie ging.

Wie erklärt sie sich mit dieser Methode die Tatsache, dass wie zu Beginn dieses Artikels erwähnt und von Goldman richtigerweise denunziert, innerhalb des Anarchismus und sogar rund um seine wohl zentralste Person der damaligen Zeit, Kropotkin, eine Tendenz entstand, welche die internationalistischen Prinzipien  verließ und sie in einem Manifest offen formulierte - ein Abgleiten das innerhalb der anarchistischen Reihen eine große Unsicherheit, Spannungen und einen Widerstand hervorrief? Goldmans Methode folgend hätte der Anarchismus hier Schiffbruch erlitten, da gerade von einflussreichsten Vertretern wie Kropotkin der Internationalismus über Bord geworfen wurde. Ähnlich wie innerhalb der marxistischen Arbeiterbewegung entstand in der Prüfung des Krieges eine scharfe Auseinandersetzung, und ein entschlossener internationalistischer Teil zu dem auch Goldman zählte, bekämpfte jegliche Zustimmung für das eine oder andere Kriegslager.

Es wäre absolut falsch zu behaupten, dass der Anarchismus als Ganzes 1914 Schiffbruch erlitten hätte. Im Gegenteil, gerade weil innerhalb des Anarchismus und innerhalb der marxistischen Arbeiterbewegung eine harte Scheidung stattfand, war es möglich, dass im Kampf gegen den Krieg und im Oktober 1917 die revolutionären internationalistischen Anarchisten mit dem revolutionären Marxismus Schulter an Schulter kämpfen konnten. Wenn das „Spielfeld des Krieges und der Revolution“  tatsächlich ein Resultat hervorbrachte, dann die sich sowohl bei den Marxisten und den Anarchisten herausschälende Entschlossenheit, welche konsequent den Internationalismus und  die Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse verkörperte.   

Weiter noch. Wie erklärt sich Goldman mit ihrer Herangehensweise und der These eines schiffbrüchigen Marxismus die Tatsache, dass die Bolschewiki, eine Organisation der marxistischen Tradition, fähig waren, 1917 mit den Aprilthesen, formuliert durch ihre entschlossensten Vertreter, Klarheit gegen die in der Arbeiterklasse Russlands noch existierenden demokratischen Konfusionen zu bringen?

Es ist eine Tatsache, dass die Mehrheit der Bolschewiki sich Schritt für Schritt vom Geist der Oktoberrevolution entfernte, ihr den Rücken zukehrte und durch ihre Vermischung mit dem Staatsapparat sowie durch Repressionsmaßnahmen gegen Kritiken unter dem Vorwand, damit die Revolution retten zu können, zur Verkörperung der Konterrevolution von Innen wurde. Aber es war nicht die Gesamtheit, welche diesen Weg einschlug, denn es entstanden verschiedene organisierte Reaktionen innerhalb der Partei auf diese Anzeichen der Degeneration.

Goldman beschreibt ihre große Sympathie und Nähe zu einer dieser   Oppositionsgruppen innerhalb der Bolschewistischen Partei, die „Arbeiteropposition“ rund um Kollontai und Schljapnikov. Offenbar war der Marxismus fähig, eine kämpferische revolutionäre Opposition hervorzubringen, welche Goldman ausdrücklich begrüßte. Auf der anderen Seite beschreibt sie (und noch ausführlicher ihr politischer Weggefährte Alexander Berkman) organisierte Tendenzen innerhalb des Anarchismus in Russland, die so genannten „Sowjet-Anarchisten“, welche offen die Politik der Bolschewiki unterstützten, und dies sogar noch 1920 als der Terror der Tscheka[28] schon um sich griff. Sie schreibt in ihrer ehrlichen Art auch folgendes: „Leider, und es war unter diesen Umständen nicht zu vermeiden, fanden fremde Ideen auch Eintritt in die Reihen der Anarchisten. Trümmer die von der revolutionären Flut an Land gespült wurden. (…) Macht ist korrumpierend, und Anarchisten sind nicht davor gefeit“ [29]. Scheiterte also, wenn wir Goldmans Methode folgen, der Anarchismus aufgrund solcher Tatsachen ebenfalls in seiner Gesamtheit? Eine solche Schlussfolgerung wäre unseres Erachtens falsch. Ihre Herangehensweise und Schlussfolgerung lässt alle Auseinandersetzungen nach dem Oktober 1917 innerhalb des sog. „gescheiterten Marxismus“ außer Acht.

Die Frage des Staates nach der Revolution war zur damaligen Zeit innerhalb der Arbeiterbewegung nicht geklärt. Das trifft auch für die Anarchisten zu. Ein wesentlicher Grund dafür war das Fehlen einer konkreten historischen Erfahrung wie sie sich nach 1917 in Russland stellte. Die unüberwindbare Isolation der Russischen Revolution und der entstandene Zwang das Territorium zu verteidigen förderten auf brutale Art und Weise die Ausblutung der Revolution und ihre Degenerierung. Der Staat und die bolschewistische Partei „fusionierten“ dabei zu einem aktiven Faktor dieser Dynamik.

Auch Goldmans politische Orientierung „Vater Kropotkin“, wie ihn sein politisches Umfeld nannte,  war in seinem Buch  Der Staat – seine historische Rolle nicht in der Lage die Rolle und Funktion des Staates nach einer Revolution zu beantworten. Das radikale Verwerfen des Staates auf der Basis eines instinktiven Misstrauens wie es von der absoluten Mehrzahl der Anarchisten vertreten wurde, war auf der Erfahrung der  brutalen Konfrontation mit den Staat unter dem Feudalismus und dem kapitalistischen Staatsapparat entstanden und forderte richtigerweise die Zerstörung des bürgerlichen Staates durch eine proletarische Revolution, so wie dies auch im Buch Lenins Staat und Revolution verteidigt wird. Auch wenn der anarchistischen Bewegung dieser Verdienst zukommt, so dominierte in ihren Reihen ein tückisches Konzept: Das Organisieren der Gesellschaft unmittelbar nach der Revolution durch die Arbeiterräte, Gewerkschaften und Genossenschaften. Ein solches Szenario treibt die politischen und dynamischen Organe der Arbeiterklasse, die Arbeiterräte, bedingungslos in die Vermischung mit dem „organisierenden Körper“ (den wir  einen reduzierten und kontrollierten Übergangsstaat nennen[30]), oder sie werden selbst zur Bürokratie und verlieren damit ihre politische Unabhängigkeit als Organ der Arbeiterklasse. Diese Position finden wir auch bei Goldman, auch wenn nur in einer angedeuteten und nicht entwickelten Form.

Zurück zur Frage des angeblichen Schiffbruchs des Marxismus. Ein Großteil der Anarchisten kritisierte die tragischen Entwicklungen in Russland. Doch der Anarchismus wurde dadurch in der Russischen Revolution nicht „in corpore“ bestätigt, sowenig wie der Marxismus keineswegs als Ganzes scheiterte. Zweifellos gab es bei den Bolschewiki eine falsche Auffassung über das Verhältnis zwischen den Arbeiterräten, dem Staat und der politischen Partei. Zur Zeit der Russischen Revolution dominierte das Konzept einer Einheit zwischen Partei und Staatsapparat, der Partei also welche neben den Arbeiterräten an der Macht beteiligt sein müsse. Die Partei – eine Minderheit innerhalb der Arbeiterklasse - sei berechtigt, im Namen der Arbeiterklasse und aufgrund deren Vertrauens in die Partei, die Macht zu übernehmen. Diese Sicht drückte immer noch deutlich die existierende Unreife über die Frage des Staates nach der Revolution aus.

Durch ihre Auffassungen über den nach-revolutionären Staat und ihr Verhältnis ihm gegenüber, gerieten die Bolschewiki als Akteur der Realität in eine tragische Spirale, welche sich in der Situation der kompletten Isolierung der Revolution von einer falschen Konzeption in eine Tragödie verwandelte. Auch wenn die Bolschewiki nie offen das Prinzip der Machtübernahme durch die Arbeiterräte verwarfen, war eines der ersten Anzeichen der Degeneration die schrittweise Entmachtung der Räte bei der die Bolschewiki eine entscheidende Rolle spielten.

Es ist keine fatalistische Feststellung, sondern eine historische Tatsache zu sagen, dass erst die tragische Erfahrung der Russische Revolution in all diese Fragen Klarheit gebracht hat. Die einzige Rettung wäre die internationale Ausdehnung der Revolution auf der Basis der Lebendigkeit der Räte gewesen. Dies hätte auch jeglichen retrospektiven Determinismus, dass das Schicksal der Russischen Revolution bereits bei ihrer Geburt entschieden war Lügen gestraft. Die Rettung der Revolution mit der Waffe eines „starken Staates“, was die Bolschewiki zu propagieren begannen, war eine schlichte Unmöglichkeit.

Eine Schwäche in Goldmans Methode bezüglich der stetig anwachsenden Dominanz des Staatsapparats nach dem Oktober und dem Degenerationsprozess ist ihre statische Schlussfolgerung. Sie lässt die Dynamik der Dominanz des Staates, den Kampf dagegen innerhalb der marxistischen Reihen und die enormen Schwierigkeiten der Anarchisten dieser Situation gegenüber außer Acht, auch wenn sie all dies ausführlich in ihren Beobachtungen schildert. Diese Schwäche paart sich mit ihrer Auffassung, dass die Bolschewiki – als Teil des Marxismus, und gerade deswegen – von Beginn weg aufgrund ihres angeblich alleinigen Ziels die Macht zu ergreifen zum Scheitern verurteilt waren. Es scheint, dass Goldman zufolge schon die reine Existenz marxistischer Positionen über das Schicksal der Revolution entschieden habe. Auch negiert sie in ihrer Schlussfolgerung zur Frage des Staates exakt die Tatsache, dass es sich aufgrund der internationalen Situation (auf die sie an anderen Stellen selber immer wieder hingewiesen hatte) um einen Prozess der Degeneration handelte, und keinesfalls um eine von Beginn weg entschiedene Sache. Mit ihrer Deklaration des „Scheiterns des Marxismus“ in der Erfahrung der Russischen Revolution macht sie es sich etwas allzu leicht, was sie schlussendlich zu einer weiteren These führt.

„Der Zweck heiligt die Mittel“, und Kronstadt als Bruch mit den Bolschewiki

Eine der wohl am weitest gehenden Thesen Goldmans ist folgende: „Die Bolschewisten bilden den Jesuitenorden in der marxistischen Kirche. Nicht daß sie als Menschen unehrlich oder von schlechten Absichten beseelt sind.  Es ist ihr Marxismus, der ihre Politik und ihre Methoden bestimmt hat. Dieselben Mittel, die sie zur Anwendung brachten, haben die Verwirklichung ihrer ursprünglichen Ziele verhindert Kommunismus, Sozialismus, Gleichheit, Freiheit - alles, wofür die russischen Massen sich den größten Leiden unterzogen hatten, ist durch die bolschewistische Taktik, durch ihren jesuitischen Grundsatz, dass der Zweck alle Mittel heilige, diskreditiert und in den Kot gezogen worden (...) Doch Lenin ist ein schlauer und listiger Jesuit, und so machte er den allgemeinen Schrei des Volkes: "Alle Macht den Räten!" zu seinem eigenen Motto. Erst als er und seine jesuitischen Gefolgsleute sich fest im Sattel fühlten, begann die Abtragung der Sowjets. Heute sind sie, wie alle anderen Dinge in Russland, nur noch ein Schattengebilde, dessen körperliche Substanz entschwunden ist. (…) Kein Zweifel, Lenin gibt oft seiner Reue Ausdruck. Von jeder allrussischen Konklave der Kommunisten tönt uns ein Mea Culpa, "Ich habe gesündigt!" entgegen. Ein junger Kommunist sagte mir einst: "Ich würde nicht überrascht sein, wenn Lenin eines Tages die Oktober-Revolution für einen Irrtum erklären würde.“  [31]

Ja, die Ziele der Bolschewiki, der Kommunismus, Sozialismus, Gleichheit, Freiheit, die Goldman den Bolschewiki hier als ihr eigentliches Ziel nicht streitig macht, konnten nicht verwirklicht werden. Sie beschreibt an anderen Stellen ihrer Schriften über Russland, wie sie von vielen führenden Bolschewik immer wieder mit der hoffnungsvollen Frage konfrontiert war: „Kommt die Revolution in Deutschland und den USA bald?“. So auch von Lenin in einem Treffen mit Goldman. Die Bolschewiki mit denen sie darüber sprach erhofften angespannt eine positive Antwort von ihr zu erhalten, da sich ja in den USA gut auskannte. Es war nach ihren Beschreibungen offensichtlich, dass die Bolschewiki in einer permanenten Angst lebten immer mehr isoliert zu werden, und mit Verzweiflung auf kleinste Anzeichen revolutionärer Entwicklungen in anderen Ländern hofften. Sie selbst gibt den Beweis, wie auch zur Zeit der immer unübersehbarer werdenden Degeneration der bolschewistischen Partei - welche alles andere als homogen war - in deren Reihen die Hoffnung auf eine weltweite Revolution weiterlebte. Also nicht die angebliche Gier nach der Macht in Russland, wie sie sich in ihren Ideen zum „Jesuitismus“ der Bolschewiki versteigt.

Die Sorge Goldmans drehte sich um den Widerspruch zwischen den ursprünglichen Zielen der Bolschewiki und ihrer konkreten Politik und Methoden. Dies führte sie zu einem definitiven Bruch, nachdem bei der blutigen Niederschlagung des Aufstandes in Kronstadt im März 1921 unter dem Banner die Revolution zu retten eine brutale Anwendung von Gewalt innerhalb der Arbeiterklasse stattfand, was in einem schreienden Widerspruch zu kommunistischen Prinzipien steht. Bei ihrem Bruch mit den Bolschewiki spielte ihre  Erfahrung mit der Tscheka ebenfalls eine entscheidende Rolle.

Die Methode dass der Zweck die Mittel heiligt ist durch die Arbeiterklasse vehement zu bekämpfen. Es ist Goldmans Ehrlichkeit, ihre eigenen Schwankungen darüber nicht im Verborgenen zu lassen. Doch gerade ihre Schilderungen widerlegen die These, dass die Bolschewiki in ihrem Denken die „Jesuiten des Marxismus“ seien, welche bei der Verfolgung ihres Ziels keine Rücksicht kennen, und hier ein grundlegender Unterschied zwischen den Bolschewiki und dem Anarchismus bestünde.

Wie stellte sich diese Frage in den Reihen der Anarchisten? Sie beschreibt ihre Diskussionen mit Berkman zur Frage der erlaubten Mittel zur Verteidigung der Revolution: „Es wäre absurd, die Bolschewiken für die drastischen Maßnahmen, die sie anwandten, verantwortlich zu machen, sagte Sascha nachdrücklich. Wie sollen sie sonst Russland vom Würgegriff der Konterrevolution und Sabotage befreien? Was das betraf, so glaubte er, dass keine Maßnahme dagegen zu hart wäre. Die Anforderung der Revolution rechtfertigt jedes Mittel, wie sehr auch immer es unseren Gefühlen widersprechen mochte. Solange die Revolution in Gefahr wäre, müssten diejenigen, die sie unterwandern wollten, dafür büßen. Mein alter Freund war so aufrichtig und umsichtig wie immer. Ich war seiner Meinung, aber dennoch, die grässlichen Schilderungen meiner Genossen beunruhigten mich weiterhin.“ [32]

Diese Auseinandersetzung mit Berkman ging in schärfster Art und Weise weiter: „Stundenlang warf er mir meine Ungeduld, mein mangelndes Urteilsvermögen in Bezug auf langfristige Ziele vor, sprach davon, dass ich die Revolution mit Samthandschuhen anpacken wollte. Schon immer hätte ich den ökonomischen Faktor als die Hauptursache des kapitalistischen Übels zu wenig beachtet, behauptete er. Könnte ich jetzt nicht sehen, dass gerade diese ökonomische Notwendigkeit die treibende Kraft der Leute am sowjetischen Ruder war? Die ständige Gefahr von außen, die natürliche Trägheit der russischen Arbeiter, die es nicht geschafft hatten, die Produktion zu steigern, der Mangel an den notwendigen landwirtschaftlichen Geräten und die Weigerung der Bauern die Städte zu versorgen, hätten die Bolschewiki zu diesen verzweifelten Maßnahmen gezwungen. Natürlich hielt er solche Methoden für konterrevolutionär, die notwendig ihren Sinn verfehlen mussten. Doch es wäre lächerlich, Männer wie Lenin und Trotzki eines vorsätzlichen Verrats an der Revolution zu bezichtigen. Hatten sie doch ihr Leben der Sache gewidmet, waren verfolgt, verleumdet, für ihre Ideale ins Gefängnis und ins Exil geschickt worden! Sie konnten sich nicht so weit von ihnen entfernt haben!“ [33]

Für die Arbeiterklasse dürfen die angewendeten Mittel nicht in einem Widerspruch zu ihren grundlegenden Zielen stehen.[34] Wir weisen aber die Behauptung zurück, dass ausschließlich der Marxismus, und hier vor allem die Bolschewiki, mit der Gefahr in solche Methoden abzugleiten, also mit dem Eindringen der Ideologie der herrschenden Klasse in sein Denken, konfrontiert ist und dagegen kämpfen muss. Die von Goldman beschrieben Diskussionen sind kennzeichnend dafür, dass der Anarchismus diesbezüglich immer enorme Schwierigkeiten hatte. Ein Beispiel der Anwendung von Mitteln, welche dem Ziel vieler Anarchisten widersprechen, ist das Attentat von Fanny Kaplan am 30. August 1918 auf Lenin, mit der Rechtfertigung Lenin habe die Revolution verraten. Aufgrund einer langen Tradition von Attentaten auf verhasste Exponenten des zaristischen Regimes, welches die Anarchisten einer brutalen Repression unterwarf, griff ein Teil des russischen Anarchismus mit der sog. „Propaganda der Tat“ immer wieder auf Mittel zurück, welche durch den Zweck geheiligt würden. Und wie das Attentat auf Lenin zeigt, nun auch innerhalb der Arbeiterklasse!

Es geht nicht darum den verhassten Figuren des Zarismus Tränen nachzuweinen. Die Methoden eines Teils des russischen Anarchismus drückten vielmehr auch das reduzierte Verständnis aus, den  Feudalismus an Personen festzumachen. Dieser fußte aber nicht, wie es Berkman richtig gegenüber Goldman vertrat, auf der Böswilligkeit einzelner, sondern auf sozialen und ökonomischen Grundlagen die in einem Widerspruch zu den Bedürfnissen der ausgebeuteten Schichten stand. Die „Propaganda der Tat“, die individuelle Gewalt gegen verhasste Exponenten des Feudalismus, verstanden als „Zündfunke zum Denken“, drückte aber auch eine falsche Auffassung über die Entwicklung des Klassenbewusstseins aus, da diese Methoden keinesfalls die Notwendigkeit eines solidarischen Kampfes als gesamte Klasse gegen die Grundlagen der Ausbeutung aufzeigen.

Es ist nachvollziehbar, weshalb sich Goldman für Kaplan als Gefangene engagierte, da diese von der Tscheka gefoltert wurde. Sie rief selbst nicht zu solchen Methoden auf, zu denen Kaplan gegriffen hatte. Weshalb jedoch wagte sie sich in dieser Situation nicht einen Schritt weiter zu gehen und eine Kritik an „jesuitischen“ Methoden in den Reihen des Anarchismus zu machen, es stattdessen aber auf die Bolschewiki zu reduzieren?

Goldman litt schwer unter den Hinrichtungen befreundeter Anarchisten wie Fanya Baron durch die Tscheka im September 1921, auf Billigung Lenins. Auch wenn Lenin eine der entschlossensten und klarsten Persönlichkeiten in der Oktoberrevolution war, sind solche Schritte unannehmbar. Goldman formulierte eine immer stärkere Antipathie vor allem gegenüber Trotzki und Lenin, den sie als schlauen und listigen Jesuiten bezeichnete. [35]

Die unkontrollierbar gewordene Tscheka begann mit Erschießungen zur Einschüchterung, Geiselnahmen zur Erpressung und mit Folter. Dies oft auch gegenüber politischen Oppositionsgruppen aus den Reihen der Bolschewiki selbst, gegen Anarchisten, aber auch gegen Arbeiter, die sich an Streiks beteiligten. Goldmans Kritik gegen Todesstrafen an Gefangenen - also wehrlosen Individuen - seien es auch Mitglieder bürgerlicher konterrevolutionärer Organisationen, Kriminelle oder inhaftierte Mitglieder der Weißen Armeen, ist absolut berechtigt, da solche Schritte nicht nur sinnlose Gewaltakte darstellten, sondern vielmehr auch Ausdruck einer Haltung, dass Menschen ihre Auffassungen, Verhaltensweisen und politischen Positionen nicht ändern können und deshalb kurzum liquidiert werden müssten.[36]

Innerhalb der Bolschewiki entbrannte schon 1918 ein Kampf gegen die Unterdrückung oppositioneller Stimmen in der Partei und der Arbeiterklasse. Obwohl Goldman selbst Zeugin unterschiedlicher Positionen und Auseinandersetzungen in den Reihen der Bolschewiki wurde, so zeichnet sie zu deren Verurteilung als „Jesuiten des Marxismus“ ein allzu simples Bild, als wären diese wie aus einem Stück Eisen und Feuer geschmiedet, was nie der Realität entsprach. Das zentrale Problem war ein Abgleiten in eine militaristische Herangehensweise an politische Probleme, welche das Leben innerhalb der Arbeiterklasse überging, welcher die Mehrheit der Bolschewiki erlag, im falschen Glauben, damit die bedrängte Revolution zu retten. Es war keine in ihren Wurzeln angelegte marxistische Gier nach der Macht.

Der Marxismus stand nie auf dem Prinzip, dass der Zweck die Mittel heiligt, und es war auch keinesfalls ein Prinzip oder eine Praxis der Bolschewiki vor und in der Oktoberrevolution. Kronstadt jedoch, tragischer Höhepunkt der zunehmenden Repression, zeigte, wie weit die Degeneration schon fortgeschritten war und welche Formen und welche Logik sie annahm. Deren politische Rechtfertigung beinhaltete tatsächlich die Idee des Zwecks (den „eisernen Zusammenhalt“ Russlands gegenüber den internationalen Angriffen), der die Mittel (eine blutige Niederschlagung) rechtfertige.

Goldmans persönliche und absolut demoralisierende Erfahrungen in Kronstadt führte zum Bruch mit den Bolschewiki und stellte einem Wendepunkt dar. Sie war in den letzten Tagen vor der Niederschlagung der Kronstädter Matrosen, Soldaten und Arbeiter Mitglied einer Delegation (Perkus, Pertrowski, Berkman, Goldman) welche versuchte  zwischen den Kronstädtern und der Roten Armee, zu verhandeln. „Kronstadt zerschnitt den letzten Faden der mich noch mit den Bolschewiki verband. Die mutwillige Schlächterei die sie durchgeführt hatten sprach deutlicher gegen sie als alles je zuvor. Was immer auch für Täuschungen schon in der Vergangenheit gemacht worden waren, die Bolschewiki stellten sich jetzt als die verderblichsten Feinde der Revolution heraus. Ich konnte mit ihnen nichts mehr zu tun haben.“ [37]

Kronstadt war eine furchtbare Tragödie, viel mehr als lediglich ein „Fehler“.

Die Niederschlagung Kronstadts mit mehreren Tausend toten Proletariern (auf beiden Seiten!), gründete auf einer absolut falschen Einschätzung der führenden Bolschewiki über den Charakter dieses Aufstandes. Dies vor allem, weil die internationale Bourgeoisie perfide den Moment ergriff und sich heuchlerisch mit den Aufständischen „solidarisch“ erklärte, aber auch in Angst und Panik, Kronstadt würde ins Lager der Konterrevolution überlaufen oder sei bereits Ausdruck der Konterrevolution. Goldman antwortet richtig auf diese zwei Aspekte. Die wichtigste Lehre aus der Kronstädter Tragödie jedoch konnte sie in ihrer Autobiografie von 1931 nicht ziehen, gleich wie die Marxistische Linke, welche   zur Zeit des Aufstandes dessen Niederschlagung im Wesentlichen unterstützte, mit Ausnahme von Miasnikov welcher sich von Beginn weg dagegen gewehrt hatte. Selbst mit zeitlichem Abstand gelang es Goldman nicht, im Unterschied zu einigen Teilen der Kommunistischen Linken, zu formulieren, dass die Gewalt gerade innerhalb der Arbeiterklasse unnachgiebig zu verwerfen ist und ein Prinzip darstellen muss. [38]

Wie schon bei der Frage des Staates macht Goldman es sich auch bei der Frage des angeblichen „Jesuitismus von Beginn weg“ der Bolschewiki etwas allzu leicht. Sie deklariert die Bolschewiki als Jesuiten, was absolut nicht mit deren Geschichte übereinstimmt. Die Dynamik der Mehrheit der Bolschewiki, die 1921 in Kronstadt nicht vor der Anwendung der Gewalt als angeblich auserwähltes Mittel im Klassenkampfe zurückschreckte, war mitnichten „ihre Tradition“, sondern vielmehr Ausdruck ihres fortschreitenden Degenerationsprozesses.

Statt sich ganz grundsätzlich mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Mittel überhaupt im Klassenkampf und in der Revolution angewendet werden dürfen, vor der ausnahmslos alle Revolutionäre standen, war Goldmans leichtfertige Jesuiten-Etikette, welche sie den Bolschewiki anhängte, vielmehr eine Barriere davor, die Degenerierung der Revolution als einen schrittweisen Prozess zu verstehen.

Schweigen oder Kritik?

Eine Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Goldmans Schriften über Russland: Wann ist es berechtigt, eine offene Kritik gegenüber den Bolschewiki zu formulieren? Mit großer Empörung beschreibt sie ein Treffen mit Anarchisten in Petrograd: „Diese Beschuldigungen und Denunziationen trafen mich wie ein Schlag mit dem Hammer, und ich war wie betäubt. Angespannt lauschte ich mit jeder Faser und ich war kaum in der Lage zu begreifen, was ich hörte. Das konnte nicht wahr sein – diese ungeheuerlichen Anschuldigungen! (…) Die Männer in jenem düsteren Saal mussten verrückt sein, dachte ich. Unmögliche, lächerliche Geschichten, böswillige Verurteilungen der Kommunisten, sie mussten doch wissen, dass die konterrevolutionären Bande, die Blockade und die Weißen Generäle, die die Revolution angriffen, dafür verantwortlich waren. Ich sagte, was ich dachte, doch meinen Stimme ging in Hohn und Spottgelächter unter.“ [39]

Wie schon bei der Frage der unmittelbar nach der Revolution zu erwartenden Veränderungen, zeigt Goldmans Konsternation über die Positionen anderer Anarchisten auf, dass es alles andere als einen einheitlichen Anarchismus, gerade bezüglich der Loyalität gegenüber den Bolschewiki, gab. Der Anarchismus in Russland hatte sich erneut in verschiedene Lager gespalten.[40] Die folgenden Passagen aus den Schriften Goldmans zeugen erneut von ihrer verantwortungsvollen Haltung, eigene Unsicherheiten nicht zu verschweigen, sie zeigen aber auch die Entwicklung ihrer Haltung gegenüber den Bolschewiki.

„Ich verstand die Haltung meiner ukrainischen Freunde sehr gut. Sie hatten während des letzten Jahres enorm gelitten, sie sahen die großen Erwartungen an die Revolution zerschellen und Russland unter der Ferse des bolschewistischen Staates zerbrechen. Dennoch konnte ich ihren Wünschen nicht folgen. Ich glaubte noch an die Bolschewiki und an deren revolutionäre Ehrlichkeit und Integrität. Dazu war ich überzeugt, dass ich, solange Russland von außen bedroht war, Kritik aussprechen dürfe. Ich wollte kein Öl ins Feuer der Konterrevolution gießen. Deshalb musste ich Schweigen und an der Seite der Bolschewiki, den organisierten Verteidigern der Revolution, stehen. Doch meine russischen Freunde gähnten über diese Sichtweise. Sie meinten ich würde die Kommunistische Partei mit der Revolution verwechseln, doch dies sei nicht dasselbe, sondern im Gegenteil einander entgegengestellt, ja sogar antagonistisch.“ [41]

„Bei den ersten Nachrichten vom Krieg mit Polen hatte ich meine kritische Haltung zurückgestellt und meine Dienste als Frontschwester angeboten. (…) Er (Sorin) versprach, die zuständigen Behörden über mein Angebot zu unterrichten. Aber nichts geschah. Das hatte selbstverständlich keinen Einfluss auf meinen Entschluss, dem Land zu helfen, in welcher Eigenschaft auch immer. Nichts war wichtiger in diesem Augenblick. (…) Weder bestritt ich Machnos Verdienste an der Revolution im Kampf gegen die Truppen der Weißen noch die Tatsache, dass seine Armee eine spontane Massenbewegung der Bauern war. Ich glaubte allerdings nicht, dass der Anarchismus sich irgendetwas von militärischen Aktivitäten versprechen konnte oder dass unsere Propaganda von militärischen und politischen Siegeszügen abhängen sollte. Das war jedoch nebensächlich. Ich konnte mich weder ihnen noch weiterhin den Bolschewisten anschließen. Ich war bereit, offen zuzugeben, dass ich mich schwer geirrt hatte, als ich Lenin und seine Partei als die wahren Verfechter der Revolution verteidigt hatte. Aber ich wollte nicht in offene Opposition zu ihnen treten, solange  Russland von den äußeren Feinden angegriffen wurde.“ [42]

„Die große Schuld die ich gegenüber den Arbeitern in Europa und Amerika hatte bedrückte mich: Ich musste ihnen die Wahrheit über Russland mitteilen. Doch konnte ich dies tun, solange das Land an verschiedenen Fronten belagert war? Ich würde damit in die Hände von Polen und Wrangel arbeiten. Zum ersten Mal in meinem Leben hielt ich mich zurück, große soziale Übel aufzudecken. Ich hatte das Gefühl, das Vertrauen der Massen zu verraten, vor allem der amerikanischen Arbeiter, deren Glauben ich sehr liebte.“ [43]

„Ich hielt es für notwendig, solange zu schweigen, wie die vereinten Mächte des Imperialismus Russland an der Gurgel hielten. (…) Nun aber ist die Zeit des Schweigens vorüber. Ich werde daher offen aussprechen, was ausgesprochen werden muss. Dabei bin ich mir der Schwierigkeiten bewusst. Ich weiß, dass die Reaktionäre, die Feinde der Russischen Revolution, meinen Worten eine falsche Deutung geben werden, ich weiß auch, dass ihre sogenannten Freunde, welche die Kommunistische Partei Russlands mit der Russischen Revolution verwechseln, über mich den Stab brechen werden. Es ist daher notwendig, meine Stellung zu beiden klarzulegen.“ [44]

Es gab andere Revolutionäre wie Rosa Luxemburg, welche schon sehr früh eine Kritik an den Bolschewiki formuliert hatte, auch wenn sie ihnen ihre ganze Solidarität zusprach und ihre entscheidende Rolle in der Russischen Revolution verteidigte. Sie schrieb 1918 ihre Broschüre Zur Russischen Revolution, zur gleichen Zeit als Goldman in MOTHER EARTH mit überschwänglichem Enthusiasmus den Artikel Die Wahrheit über die Bolschewiki veröffentlichte. Gerade das Beispiel Rosa Luxemburgs zeigt auf, wie schwierig es war den Entscheid zur Veröffentlichung einer Kritik im richtigen Moment zu fällen, immer mit dem Zweifel der Revolution den Rücken zu fallen. Luxemburg legte in ihrem Text, im Gefängnis von Moabit geschrieben, eine entschiedene Kritik an den Bolschewiki dar, mit dem Ziel, durch einen Klärung der in Russland gestellten Probleme, eine solidarische Unterstützung zu leisten: „Lenin-Trotzki entscheiden sich umgekehrt für die Diktatur im Gegensatz zur Demokratie und damit für die Diktatur einer Handvoll Personen, d.h. für Diktatur nach bürgerlichem Muster. (…) Aber diese Diktatur muss das Werk der KLASSE, und nicht einer kleinen, führenden Minderheit im Namen der Klasse sein, d.h. sie muss auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teilnahme der Massen hervorgehen, unter ihrer unmittelbaren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten Öffentlichkeit unterstehen, aus der wachsenden politischen Schulung der Volksmassen hervorgehen. Genauso würden auch bisher die Bolschewiki vorgehen, wenn sie nicht unter dem furchtbaren Zwang des Weltkriegs, der deutschen Okkupation und aller damit verbundenen abnormen Schwierigkeiten litten, die jede von den besten Absichten und den schönsten Grundsätzen erfüllte sozialistische Politik verzerren müssen. (...) Das Gefährliche beginnt dort, wo sie aus der Not die Tugend machen, ihre von diesen fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik nunmehr theoretisch in allen Stücken fixieren und dem internationalen Proletariat als das Muster der sozialistischen Taktik zur Nachahmung empfehlen wollen.“

Luxemburg hielt sich nicht zurück. Weshalb folgte Goldman dem Beispiel Rosa Luxemburgs nicht, obwohl sie in ihren Schriften mehrmals ihre Trauer über die Ermordung Luxemburgs im Januar 1919 ausgedrückt hatte und deren Positionen kannte? Weshalb nahm sie in ihrer Broschüre Der Niedergang der Russischen Revolution nie Bezug zur Kritik Luxemburgs, obwohl diese schon drei Jahre zuvor niedergeschrieben worden war? Der Grund dafür ist einfach. Luxemburgs Text wurde Opfer der enormen Angst mit einer Kritik der Revolution ein Messer in den Rücken zu stoßen und der Bourgeoise einen Dienst zu erweisen. Die Veröffentlichung von Luxemburgs Kritik an den Bolschewiki, welche sie sofort nach der Niederschrift publizieren wollte, wurde von ihren nächsten politischen Gefährten bewusst verhindert und erst vier Jahre später, 1922, veröffentlicht. [45]

Leider hatte Goldman nicht Gelegenheit von Luxemburgs Kritik an den Bolschewiki inspiriert zu werden. Ihre Überschwänglichkeit bei der Ankunft in Russland ist angesichts des Horrors mit dem der Weltkrieg die Menschheit in eine Dunkelheit geworfen hatte verständlich. Goldmans „Sowjetrussland! Geheiligter Boden“ und ihre spätere totale Desillusionierung sind aber auch ein Beispiel dafür, dass eine Euphorie meist dazu verdammt ist in großer Enttäuschung zu enden. Es ist nicht verwunderlich, dass sie ihre anfängliche Verteidigung der Bolschewiki 13 Jahre später sogar als „naiv“ bezeichnete.

Luxemburg hatte nie den Hang zur politischen Überschwänglichkeit und machte ihre Kritik auf der Basis erster Erfahrungen in den Monaten nach dem Oktober 1917. Sie schloss mit den berühmten Worten, dass die Zukunft dem Bolschewismus gehört. Goldman schrieb ihre Kritik drei Jahre danach, auf der Basis ihrer eigenen Erfahrung im Russland einer späteren Phase der Revolution - nach der Entmachtung der Arbeiterräte, in einer Zeit der entfesselten Gewalt der Tscheka und dem nicht mehr aufzuhaltenden Verschmelzen der Bolschewistischen Partei mit dem Staatsapparat. Dennoch hegte sie größte Hoffnungen: „Lenin und seine Gefolgsleute fühlen die Gefahr. Ihre Angriffe auf die Arbeiteropposition und die Verfolgungen der Anarchosyndikalisten nehmen fortgesetzt zu an Schärfe und Heftigkeit. Wird der Stern des Anarcho-Syndikalismus im Osten aufgehen? Wer weiß - Russland ist das Land der Wunder.“ [46] Was die Analyse Luxemburgs zu Ende 1921 gewesen wäre, nach dem Einzug einer unübersehbaren Degeneration und nach Kronstadt, bleibt traurigerweise eine Hypothese.

Goldman schwankte zwischen Schweigen und ihrem „Ich muss meine Stimme gegen die Verbrechen im Namen der Revolution erheben“. Doch wie sollte Letzteres geschehen? Sie wurde schon während ihrer Zeit in Russland mehrmals von der bürgerlichen New Yorker Zeitung WORLD angefragt Artikel über Russland zu veröffentlichten. Goldman lehnte erst ab, nach harten Auseinandersetzungen mit Berkman der strickte gegen solche Schritte war, mit dem Argument alles in der bürgerlichen Presse Veröffentlichte würde lediglich der Konterrevolution in die Hände arbeiten, und vorschlug eigene Flugschriften zur Verteilung an die Arbeiter herzustellen. Einige Wochen nachdem Goldman Russland Ende 1921 verlassen hatte, erlaubte sie WORLD ihre Texte zu publizieren. „Ich schrieb, dass ich es eigentlich vorzöge, meine Meinung in der liberalen Arbeiterpresse der Vereinigten Staaten kundzutun und eher geneigt wäre, denen meine Artikel sogar gratis zu überlassen, als sie der New Yorker WORLD oder ähnlichen Publikationen zu überlassen. (…) Nun da ich die Wahrheit wusste, sollte ich sie unterdrücken und schweigen? Nein, ich musste protestieren, ich musste hinausschreien, welch ungeheurer Betrug sich als Recht und Wahrheit ausgab, und wenn es in der bürgerlichen Presse sein müsste.“ [47]     

Auch wenn Goldman in Russland monatelang vor öffentlicher Kritik zurückschreckte, da sie der Revolution nicht in den Rücken fallen wollte, so wurde mit diesem unüberlegten Entscheid tatsächlich der Stab über sie gebrochen. „Nicht nur meine kommunistischen Ankläger schrien: „Kreuzigt sie!“ Es gab auch einige anarchistische Stimmen im Chor. Es waren genau die Leute, die mich auf Ellis Island, auf der „Budford“ und während des ersten Jahres in Russland bekämpft hatten, weil ich mich geweigert hatte, die Bolschewiki zu verdammen, bevor ich nicht die Möglichkeit gehabt hatte, ihr Konzept zu überprüfen. Täglich bestätigten die Nachrichten aus Russland über die dauerhafte politische Verfolgung jede Tatsache, die ich in meinen Artikeln und meinem Buch beschrieben hatte. Es war verständlich, dass Kommunisten ihre  Augen vor der Realität verschlossen, doch auf Seiten derer, die sich Anarchisten nannten, war es verachtenswert, besonders nach der Behandlung die Mollie Steimer in Russland erhalten hatte, nachdem sie in Amerika so tapfer für das Sowjetregime eingetreten war.“ [48]

Der Vorwurf von Teilen der amerikanischen Arbeiterklasse, als Verräterin aufzutreten, raubte ihrer Analyse und ihren Reflexionen viel Anerkennung und Beachtung. In einer Welt in der sich zwei Klassen absolut antagonistisch gegenüberstehen, ist es eine enorme Illusion, ja und höchst gefährlich, dass irgendein Instrument der Bourgeoisie, auch wenn nur punktuell, als Sprachrohr für die Arbeiterklasse nutzen zu wollen. Schade dass eine so standfeste Militante in diese Falle tappte!

Das Gemeinsame an Goldman und Rosa Luxemburg ist zweifellos der gewaltige Wille die Probleme der Russischen Revolution zu verstehen, den revolutionären Charakter des Oktobers 1917 zu verteidigen und die dramatische Situation nicht unkritisch zu übergehen. Goldman akzeptierte nie eine taktische Methode die Bolschewiki lediglich als das „geringere Übel“ zu betrachten und sie nur deshalb, solange der Krieg gegen die Weißen Truppen andauerte, zu unterstützen. Eine Position die in Russland vom Anarchisten Machajaski  in der Zeitschrift THE WORKERS REVOLUTION offen vertreten wurde.

Eine Kritik an der Politik der Bolschewiki offen zu vertreten war außerhalb Russlands weniger riskant als in Russland selbst. Doch die Zweifel Goldmans rührten nicht von einer Angst oder Repressionsmaßnahmen gegen ihre Person. Aufgrund ihres Status als bekannte Revolutionärin aus den USA genoss sie einen viel größeren Schutz als andere revolutionäre Immigranten. Sie direkt der Repression zu unterwerfen hätte den Ruf der Bolschewiki innerhalb der amerikanischen Arbeiterklasse stark gefährdet. Auch wenn sie ihre Sympathie mit der Arbeiteropposition nicht verbarg und sich für inhaftierte Anarchisten engagierte (z.B. als Sprecherin an der Beisetzung Kropotkins), wurde sie von der Tscheka lediglich mit dem Ziel einer „sanften“ Abschreckung überwacht.

Hätte eine Kritik das leuchtende Beispiel der Oktoberrevolution innerhalb der internationalen Arbeiterklasse zerstört? Sicher nicht. Die Alternative war nicht Mund halten oder Anprangern der  Bolschewiki. Im Gegenteil, eine reife politische Kritik an der Politik der Bolschewiki war damals eine politische Unterstützung für die gesamte internationale revolutionäre Welle. Die Arbeiterklasse ist die Klasse des Bewusstseins, nicht der unüberlegten Aktion. Deshalb ist die Kritik am eigenen Vorgehen und den gemachten Fehler ein Erbe der Arbeiterbewegung, welches gerade auch in solch dramatischen Zeiten aufrechterhalten werden musste. Es entspricht nicht dem Charakter der Arbeiterklasse ihre Probleme zu verheimlichen, so wie es die Bourgeoisie in ihrem innersten Wesen repräsentiert. Wie der Text Luxemburgs aufzeigt, sollte eine Kritik an den Bolschewiki nicht lediglich auf Empörung beschränkt sein. Und sie sollte zur Unterstützung des Kampfs gegen die Degeneration der Revolution eine Reife ausdrücken. Dies war später ein Kriterium für die Italienische Kommunistische Linke, keine hastige Analyse und Kritik zu äußern, welche es nicht ermöglicht, Lehren zu ziehen.

Goldmans Analyse der Russischen Revolution war keineswegs auf Empörung beschränkt. Doch sie zeigt an verschiedenen Stellen eine Gefahr auf: Mit ihren Beschreibungen Lenins und Trotzkis als „listige Jesuiten“ manifestiert sie das Abgleiten in eine Methode der Kritik, die sich auf Personen fixiert, auch wenn diese einen großen Einfluss auf die Politik der Bolschewiki ausübten und ein Charisma besaßen. Lenin ist nicht die Entmachtung der Räte und die Verschmelzung mit dem Staat, Trotzki nicht die Niederschlagung Kronstadts.

Gegenüber Trotzki vertrat Goldman später die Position, dass er aufgrund seiner Taten – v.a. Kronstadt – ein Wegbereiter des Stalinismus gewesen sei.[49] Die angewendete Gewalt als Kommandant der Roten Armee in Kronstadt basierte nicht auf persönlichen Neigungen, sondern auf der Entscheidung der gesamten bolschewistischen Macht und - erinnern wir uns daran - im damaligen Moment von der ganzen Marxistischen Linken vertreten wurde. Die Tragödie von Kronstadt war eine Illustration einerseits der Unreife der Arbeiterbewegung bezüglich der Frage der Gewalt (Gewalt innerhalb der Arbeiterklasse), und andererseits der Degeneration der Russischen Revolution, welche später in die offen konterrevolutionäre Politik des „Sozialismus in einem Land“ und das Auftauchen Stalins als Führer der weltweiten Konterrevolution führte. Was auch immer die Unzulänglichkeiten in Trotzkis politischer Denunzierung Stalins, seines organisierten Repressionsapparates und der physischen und politischen Niederschlagung der Arbeiterklasse waren, sie stellte dennoch eine proletarische  Reaktion dar.      

Der Wert von Goldmans Analyse besteht darin, die zentralen Fragen vor der die Russische Revolution stand aufgeworfen zu haben. Die Widersprüche in ihrer Analyse und diejenigen Schlussfolgerungen welche wir absolut nicht teilen sind nicht Grund ihre Anstrengungen in Bausch und Bogen zu verwerfen oder sie zu ignorieren. Sie sind im Gegenteil Ausdruck der enormen Schwierigkeit schon 1922 eine gradlinige Analyse des Russischen Problems zu erstellen. Damit stand sie nicht alleine. Es kommt ihr aber das Verdienst zu, die Verschmelzung mit dem Staatsapparat, die Machtergreifung durch die Partei oder die Niederschlagung Kronstadts verworfen zu haben.

In diesem Sinne leistete sie einen wichtigen Beitrag für die Arbeiterklasse, der begrüßt, aber auch kritisiert werden muss. Goldman behauptete nie, dass der Oktober 1917 die Geburt des späteren Stalinismus gewesen sei, wie es die verlogenen Kampagnen der herrschenden Klasse bis heute tun, sondern sie verteidigte aufs hartnäckigste die Oktoberrevolution.

7.1.2018         Mario

[1] Der Niedergang der Russischen Revolution (1922), ihre erste und kompakteste Analyse. My disillusionment in Russia (1923/24), Gelebtes Leben (1931) v.a. Kapitel 52 über Russland.

[2] Diese Frage beschäftigte sie enorm, was angesichts der katastrophalen Situation der Kinder mehr als verständlich ist. In dieser Situation der Misere waren die Kinder, welche oft eines oder gar beide Eltern durch den Krieg verloren hatten, die Hilflosesten. Dies vor allem auch gegenüber den herzlosen kleinen Bürokraten, welche weder Skrupel noch Moral besaßen. Sie war dem gegenüber sicher besonders sensibel, da sie als Krankenschwester die Möglichkeit hatte „Vorzeigeinstitutionen“ zu besuchen.

[3] My disillusionment in Russia, Vorwort (dieses Buch existiert nicht in deutscher Sprache. Die Übersetzungen sind von uns)

[4] Die Wahrheit über die Bolschewiki

[5]Gelebtes Leben, Kapitel 52

[6]ebenda

[7]My disillusionment in Russia, Kapitel The socialist republic resorts to deportation

[8]Der Niedergang der Russischen Revolution, Vorwort

[9]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Lage des Kindes in Russland

[10]Ein Ausdruck in Anlehnung an das berühmte Buch von Nikolaj Gogol aus dem Jahr 1842. Die Methoden und das Schmarotzertum der Staatsbürokratie waren eine tragische Wiederholung gewisser Techniken der Selbstbereicherung unter dem Feudalismus.

[11]Dazu unser Artikel Der Niedergang der Russischen Revolution  http://de.internationalism.org/rusrev06

[12]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Kräfte die die Revolution niederschlugen

[13]Volin (W.M. Eichenbaum) Die unbekannte Revolution, Kapitel Die Konterrevolution. Volin geht sogar soweit zu behaupten, dass die internationale Intervention gegen Russland meist übertrieben dargestellt sei und zu einer Legende gemacht wurde, welche durch die Bolschewiki in die Welt gesetzt worden sei.

[14]Siehe dazu unseren Artikel  Die internationale Bourgeoisie gegen die Oktoberrevolution in der Internationalen Revue Nr. 160, engl., franz., span. Ausgabe

[15]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Kräfte die die Revolution niederschlugen

[16]Gelebtes Leben, Kapitel 52

[17]ebenda

[18]Die Übergangsperiode eröffnet sich nach der Machtübernahme der Arbeiterräte bis zur Abschaffung des Staates. Während dieser Periode muss eine Reihe von Massnahmen getroffen werden, wie die Abschaffung der geldliche Form des Lohns und die Sozialisierung des Konsums und der öffentlichen Güter (Transport, Wohnungen, Erholung, ect.). Dazu empfehlen wir unsere Artikel Der Staat in der Übergangsperiode in der Internationalen Revue Nr. 7 in Deutsch und Probleme der Übergansperiode in Nr. 1 (engl., franz., span. Ausgabe der Revue). Selbst wenn die sofort eingeführten Maßnahmen beschränkt sind, müssen einige sofort und mit größter Entschlossenheit durchgesetzt werden. So zum Beispiel der kostenlose Transport, die Unterbringung von Obdachlosen in öffentlichen Wohnhäusern oder solchen von Reichen. Überdies das Verbot von Kinderarbeit und jeglicher Form von Zwangsarbeit und von Prostitution.

[19]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Mein Besuch bei Peter Kropotkin

[20]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Gewerkschaften in Russland

[21]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Lage des Kindes in Russland

[22]My disillusionment in Russia, Kapitel Another visit to Peter Kropotkin

[23]My disillusionment in Russia, Nachwort

[24]Der Niedergang der Russischen Revolution, Einführung

[25]ebenda, Kapitel Die Kräfte welche die Revolution Niederschlugen

[26]OCTOBRE Nr. 2, März 1938, Die Frage des Staates

[27]Rudolf Rocker, Über das Wesen des Föderalismus im Gegensatz zum Zentralismus, 1922

[28]Goldman beschreibt die Tscheka sehr treffend mit folgenden Worten: „Anfangs wurde die Tscheka durch das Kommissariat des Innern, die Sowjets und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei kontrolliert. Nach und nach aber entwickelte sie sich als die mächtigste Organisation in ganz Russland. Die Tscheka ist heute nicht mehr ein Staat im Staate, sondern ein Staat über dem Staate. Ganz Russland, bis zu den entlegensten Dörfern, ist mit einem Netze von Tschekas bedeckt.“ Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Tscheka  

[29]My disillusionment in Russia, Kapitel Die Verfolgung der Anarchisten

[30]Siehe unsere Broschüre The period of transition from capitalism to socialism - The withering away of the state in the marxist theory 

[31]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Kräfte die die Revolution niederschlugen und Die Sowiets. Der Jesuiten-Orden wird meist als Symbol einer machtbesessenen, rücksichtslosen Politik verwendet, welche dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ folgt.

[32]Gelebtes Leben, Kapitel 52

[33]ebenda

[34]Siehe dazu auch unseren Artikel Terror, Terrorismus und Klassengewalt

[35]Volin ging sogar soweit, Lenin und Trotzki als brutale Reformisten die nie Revolutionäre gewesen waren und bürgerliche Methoden anwenden zu bezeichnen. Die unbekannte Revolution Kapitel Der bolschewistische Staat. Die Konterrevolution   

[36]Diese Frage wird ausführlich im Buch „Das sittliche Antlitz der Revolution“ (1923) behandelt. Geschrieben vom Volkskommissar für Justiz bis März 1918, Isaak Steinberg.

[37]My disillusionment in Russia, Kapitel Kronstadt

[38]Siehe dazu: Kronstadt verstehen. Internationale Revue Nr. 28

[39]Gelebtes Leben, Kapitel 52

[40]Im Frühling 1918 (historisch schon gespalten in Pan-Anarchisten, Individualistische Anarchisten, Anarcho-Syndikalisten und Anarcho-Kommunisten, deren Abgrenzungen schwer zu definieren sind) polarisierte die Frage des Verhältnisses gegenüber den Bolschewiki aufs Stärkste. Die Frage der Gewalt oder der Einschätzung des Charakters der Oktoberrevolution spielten eine zweitrangige Rolle. Von offener Unterstützung der Bolschewiki (die sog. Sowjet-Anarchisten) bis hin zur Sichtweise, dass die Bolschewiki die Revolution verraten hätten und mit Gewalt anzugreifen seien fand man alles vor. Siehe dazu Paul Avrich: The Russian Anarchists, 1967, Kapitel The Anarchists and the Bolshevik regime      

[41]My disillusionment in Russia, Kapitel In Charkov

[42]Gelebtes Leben, Kapitel 52

[43]My disillusionment in Russia, Kapitel Back in Petrograd

[44]Der Niedergang der Russischen Revolution, Vorwort

[45]Paul Frölich, einer ihrer politischen Gefährten, beschreibt, in seiner Luxemburg-Biografie Gedanke und Tat von 1939 diesen legendenumwobenen Hergang: Paul Levi publizierte Zur Russischen Revolution im Laufe des Jahres 1922 (also nach Goldmans Broschüre), nachdem er mit der KPD gebrochen hatte. Levi behauptete, Leo Jogiches (der sich gegen die Veröffentlichung gewandt hatte, mit dem Argument Luxemburg hätte in der Zwischenzeit ihre Meinung geändert) habe das Manuskript vernichtet. J.P. Nettl legt in glaubwürdiger Weise dar, dass es Levi selbst war, der starken Druck auf Luxemburg ausgeübt hatte, den Text zurückzuhalten, mit dem Argument, die Bourgeoise werde ihn gegen die Bolschewiki missbrauchen. Klar ist, dass Luxemburgs Text nicht zufällig in den Wirren der Revolution in Deutschland unterging, sondern im Gegenteil in den „Wirren der Konfusionen“ über die Notwendigkeit einer offenen Kritik verhindert wurde!              

[46]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Gewerkschaften in Russland

[47]Gelebtes Leben, Kapitel 53

[48]ebenda, Kapitel 54

[49]Trotzki protestiert zu viel, Juli 1938

Im Juli 2017 trafen sich in Hamburg die höchsten Repräsentanten der Herrschenden aus 20 Staaten. Geschützt von mehr als 30.000 Polizisten aus vielen Teilnehmerländern, mit einem Kostenaufwand von ca. 130 Millionen Euro stritten die Vertreter der Herrschenden um gemeinsame Schritte gegen Terrorismus, äußerten ihre Ablehnung der angekündigten protektionistischen Maßnahmen von Trump und dessen Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen. Wir wissen, dass seitdem sowohl der internationale Handelskrieg heftiger entbrannt, die Klimafolgen 2018 dramatischer denn je geworden sind, und der Kampf gegen den Terrorismus durch die imperialistischen Rivalen die Gewaltspirale nicht eingedämmt hat. Kurzum, die Führer der G20 können die Widersprüche und Gegensätze nicht lösen und überwinden; sie selbst sind Teil des Problems, und um diese Widersprüche und Gegensätze zu überwinden muss das System selbst überwunden werden.

Gegen diese Veranstaltung mit der größten Polizeimobilisierung brachten Zehntausende ihre Wut und ihre Abscheu zum Ausdruck. Überschattet aber wurden diese Proteste durch die Brandstiftungen und Plünderungen durch eine zahlenmäßig kleine Gruppe von Randalierern, welche auf die Provokationen des Polizeiapparates, der nur nach gewaltsamen Auseinandersetzung lechzte, hineinfielen und nach ihren Gewaltorgien von der vollen Wucht der staatlichen Repression  getroffen wurden, u.a. durch die europaweite  intensive Fahndung nach beteiligten Gewalttätern.  Durch das Auftreten und den medialen Fokus auf den Schwarzen Block und andere Randalierer soll der Eindruck vermittelt werden, diese Aktionen seien die einzig möglichen. Wir öffentlichen nachfolgenden einen Artikel unserer Sektion in Frankreich, der sich mit diesem Phänomen in Frankreich befasst, um zu zeigen, dass es sich um ein internationales Phänomen handelt, das überall eine Gefahr für diejenigen darstellt, die aufrichtig gegen dieses System ankämpfen wollen.

Weltrevolution, Juli 2018

„Schwarzer Block“: Der Kampf der Arbeiterklasse braucht keine Vermummung

1200 „vermummte und maskierte Personen“, schwarz gekleidet, randalierend, plündernd, Einrichtungsgegenstände auf den Straßen zerschlagend, Geschäfte demolierend, gewaltsame Zusammenstöße mit der Polizei: dieses Bild prägte die Kundgebungen des 1. Mai in Paris. Presse, Politiker, Gewerkschaften, Soziologen, jeder von ihnen bot seine Analyse, seine Verurteilung der Gewalt, und einen Versuch, diese schwarzen Blöcke zu „verstehen“: „Schläger“ und „grundlose Gewalt“ für die einen, „Kämpfer“ und „Taktiken des Kampfes“ gegen den Kapitalismus für die anderen.

Ein Ausdruck des Zerfalls

Diese Bewegung ist nicht neu: Der Ursprung der schwarzen Blöcke ist Ende der 1980er Jahre zu suchen, als die West-Berliner Polizei den Ausdruck ‚schwarzer Block‘ einführte, um bestimmte linksextreme Demonstranten zu bezeichnen, die Kapuzen tragen und mit Stöcken bewaffnet sind, die ihrerseits von der in den 1960er Jahren in Italien geborenen Autonomia-Bewegung inspiriert wurden. Ihre spektakulären Aktionen wiederholten sich 1999 in Seattle gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO)  im Juli 2001 in Genua, in friedlichen Märschen der G8-Gegner  in Straßburg, im Jahr 2009, am Rande der Feiern zum 60-jährigen Bestehen der NATO; im Oktober 2011 in Rom, während der Proteste der Indignados gegen die Krise und das Finanzkapital;  im Februar 2014 bei den Gegnern des Flughafenbaus Notre-Dame in Frankreich; im Juli 2017 in Hamburg beim G20; anlässlich der Demonstrationen gegen das „Arbeitsgesetz“ in Frankreich im selben Jahr...

Die schwarze Blockbewegung behauptet, sich dem Kapitalismus, den Regierungen, den Polizeikräften und der Globalisierung entgegenzustellen und lehnt die klassischen politischen Aktivitäten der Linken oder extremen Linken ab, wie ihre anarchistischen Parolen es ausdrücken: „Marx attack“, „Unter dem Pflaster der Strand“! (ein Slogan aus der Zeit des Mai 68), „Nieder mit dem Hess!“ (Elend, auf Arabisch). Sie sagen, „kaputtzuschlagen“ bedeutet, das Geld zurückzuerobern, das multinationale Konzerne dem Volk stehlen, Versicherungen, Privatisierungsagenturen, steinreiche Eigentümer und alle anderen blechen lassen, die den Reichtum monopolisieren, und die von ihnen geschaffenen Ungleichheiten zu bekämpfen“ (Auszug aus einem am 1. Mai verteilten Flugblatt).

Die Methoden des Schwarzen Blocks, die von winzigen Gruppen angezettelten Zusammenstöße mit der Polizei und das Kaputtschlagen bieten in Wirklichkeit keine echte Perspektive und keine Alternative zur kapitalistischen Gesellschaft. Tatsächlich sind sie ein Teil des Fäulnisprozesses des Kapitalismus, in der unmittelbares, nihilistisches und zerstörerisches Handeln Vorrang vor jeder langfristigen politischen Vision hat, die sich auf geschichtliche Erfahrungen und die wirklich bewusste Inangriffnahme und Durchführung eines revolutionären Projekts durch die Arbeiterklasse stützt.

Kaputtzuschlagen, zu zerstören, die Vergangenheit über Bord zu werfen, all dies ist das Gegenteil des Kampfes des Proletariats für eine andere Welt, die sich im Gegenteil bewusst auf die Geschichte und das Beste aus der Erfahrung der ganzen Menschheit stützt. Diese Handlungsweisen des Schwarzen Blocks, diese „berauschenden“ Abenteuer sollen „heroisch und vorbildlich“ sein und die kollektiven Formen des Kampfes des Proletariats verachten. Diese individualistischen, rein durch den Willen angetriebenen, durch Ungeduld geprägten Revolten sind nur Ausdruck des Gewichts der kleinbürgerlichen Gesellschaftsschichten ohne Zukunft. Sie richten sich nicht gegen das kapitalistische Weltsystem, sondern nur gegen die gröbsten Formen und Symbole dieses Systems in Form einer ‚Abrechnung‘, der Rache frustrierter kleiner Minderheiten und nicht einer revolutionären Konfrontation einer Klasse mit der anderen. Die Zerstörung einer Bushaltestelle, eines Fastfood-Ladens oder der Fenster einer Bank hat den Kapitalismus weder finanziell noch ideologisch geschwächt. Dies dient noch weniger dazu, „gestohlenes Geld von den multinationalen Konzernen zurückzuerobern“: Die Proletarier werden nur noch mehr bestraft, um für die sinnlos zerstörten städtischen Einrichtungen zu zahlen! Die schwarzen Blöcke haben daher keinerlei positiven Auswirkungen auf den Kampf des Proletariats und führen im Gegenteil nur zu den schlimmsten Illusionen der jungen Arbeitergeneration über die Möglichkeit, einen vermeintlich anderen, schnelleren und einfacheren Weg als den des Klassenkampfes einzuschlagen.

Tatsächlich sind schwarze Blöcke sogar ein beliebtes Feld für gezieltes Vorgehen von Bullen und dem Staat im allgemeinen gegen dieses Milieu. Ihre aufsehenerregenden und gewalttätigen Aktionen werden von der herrschenden Klasse geschickt ausgenutzt, um die polizeilichen Kontrollen, Überwachung und Unterdrückung zu verstärken. Diese kleinen Gruppen sind selbst regelmäßig Opfer der Unterwanderung durch Polizeispitzel, die noch mehr Menschen in ihren Reihen anstiften, um soviel wie möglich zu zerschlagen und die Wut in sinnlosen Zusammenstößen verpuffen zu lassen. Warum? Die herrschende Klasse ist sich vollkommen bewusst, dass diese Art von Aktionen ihr System stärkt, indem sie Angst schürt, Unterdrückung legitimiert, vom Kampf abschreckt, der „nur dazu dient, kaputtzuschlagen und nicht aufzubauen“, zu spalten und noch mehr zu verhindern, dass über die Bedürfnisse der Einheit des proletarischen Kampfes nachgedacht wird. Wenn am Ende einer Demonstration nicht die kämpferischsten und bewusstesten Arbeiter zusammenkommen, um beispielsweise über die gerade stattgefundene Bewegung, die Sinnlosigkeit der von den Gewerkschaften vorgeschlagenen Aktionen, den Aufbau von Verbindungen und die Fortsetzung von Denkprozessen in Diskussionsgruppen und über sinnvolle Aktionen zu diskutieren, wenn stattdessen Demonstranten vor der prügelnden Polizei fliehen, kann sich der Staat nur freuen! Zynisch erklärte der französische Innenminister Collomb, die Demonstranten hätten diese auf Gewalt erpichten Elemente „nicht kontrollieren“ können, ihnen freien Lauf gelassen anstatt sie unter „Kontrolle“ zu haben.

So wurden viele Demonstranten dazu gedrängt, sich auf die Seite der Gewerkschaften und den Ordnungsdienst der Gewerkschaft CGT zu stellen. Die Aktion der Schwarzen Blöcke trägt darüber hinaus zu wachsender politischer Verwirrung bei: Früher als Linke, Libertäre, Anarchisten, „Globalisierungsgegner“ dargestellt, werden sie heute als Ausdruck der „Linksradikalen“ eingestuft, ein Ausdruck, der mitunter auch zur Bezeichnung der Kommunistischen Linken verwendet wird.

Wir wissen, wie sehr dem Staat daran liegt, alles mögliche in einen Topf zu schmeißen um die Repression besser vorzubereiten. Dies trifft heute zu für die Verstärkung der polizeilichen Maßnahmen und der gewerkschaftlichen Überwachung der Arbeiter, um sie „vor Gewalt zu schützen“, vor allem wird dies noch wichtiger für die Zukunft, wenn der Klassenkampf die Macht der Herrschenden wirklich schwächen wird. Die „Radikalität“ der schwarzen Blöcke nimmt daher in keiner Weise am Prozess der Reifung des proletarischen Bewusstseins für die Revolution teil. Es gibt nichts Revolutionäres an deren „Programm“, weder in ihren Aktionen, noch in deren Parolen, noch in deren Zielen. Auch wenn es den Neoanarchisten nicht gefällt, die glauben, dass „die Verurteilung der schwarzen Blöcke bedeutet, die Vertreter der Macht zu stützen“ (Dissent, 15. Juni 2007), sind es die schwarzen Blöcke und ihre Anhänger, die in Wirklichkeit die Macht des Kapitals eher stützen, als sie zu schwächen.

Nur das Proletariat und seine Kampfmethoden bieten eine Perspektive

Wenn Politologen auf zynische Weise feststellen, dass „der schwarze Block die Stimmung prägt  und in der Demonstration eine Stimmung des Zusammenhalts schafft“, dass sie „den Kapitalismus nicht stürzen werden“ und „der Aufstand mag erheiternd sein, aber es ist keine Revolution....“, stellen sie eine falsche Kontinuität zwischen der Bewegung der Indignados in Spanien, Occupy in den Vereinigten Staaten und dem arabischen Frühling mit der blinden Aktion der schwarzen Blöcke her. Dies ist echt irreführend, denn diese Protestbewegungen wurden durch ständiges Nachdenken und Diskussion, durch Solidarität  bei großen Versammlungen vorwärtsgetrieben. So auch während des Anti-CPE-Kampfes in Frankreich im Jahr 2006, als die junge Studentengeneration die offene Konfrontation mit den Bullen ablehnte und sich für die Abhaltung von Vollversammlungen, politische Diskussionen und Konfrontationen einsetzte, die Ausweitung der Bewegung und den Zusammenschluss zwischen den Generationen bei den Demonstrationen anstrebte und für alle offen war. All das bewegte sich, wenn auch noch zögernd, abtastend und konfus in Richtung der historischen Formen des Kampfes des Proletariats gegen den Kapitalismus. Der Sturz des Kapitalismus wird durch den Klassenkampf verwirklicht werden, indem er durch eine aktive Beteiligung der Mehrheit der Arbeiter getragen wird, bei dem eine Klassengewalt ganz anderer Art als die der schwarzen Blöcke angewandt wird: massiv und bewusst, einheitlich und organisiert, emanzipatorisch. Sie wird ein Teil sein bei der Machtergreifung der arbeitenden Massen für eine weltweite Revolution.

Stopio, 18. Juni 2018

In „Staat und Revolution“ schrieb Lenin: "Die großen Revolutionäre wurden zu Lebzeiten von den unterdrückten Klassen ständig verfolgt, die ihrer Lehre mit wildestem Ingrimm und wütendem Hass begegneten, mit zügellosen Lügen und Verleumdungen gegen sie zu Felde zogen. Nach ihrem Tod versucht man, sie in harmlose Götzen zu verwandeln, sie sozusagen heiligzusprechen, man gesteht ihrem Namen einen gewissen Ruhm zu zur „Tröstung“ und Betörung der unterdrückten Klassen, wo man ihre revolutionäre Lehre des Inhalts beraubt, ihr die revolutionäre Spitze abbricht, sie vulgarisiert“ (Lenin, Staat und Revolution, Ges. Werke, Bd. 25, S. 397).  In der Tat unternahm die Bourgeoisie zu Lebzeiten von Marx alles, was sie konnte, um ihn daran zu hindern, zu handeln, indem sie ihn dämonisierte und indem sie ihn ständig mit ihrem ganzen Repressionsapparat verfolgte.[1] Nach seinem Tod tat sie alles, um seinen Kampf gegen den Kapitalismus zu verzerren und den Kommunismus zu verhindern.

Eine niederträchtige Propaganda

Alle Publikationen, Radio- und Fernsehsendungen, die anlässlich des  200. Geburtstags von Marx produziert wurden, bilden keine Ausnahme von der Regel. Viele Akademiker begrüßen Marx' Beiträge zur Ökonomie, Philosophie oder Soziologie, während sie ihn gleichzeitig als einen Denker präsentieren, der "jenseits der Wirklichkeit“ stand, "überholt" oder politisch völlig falsch gelegen hätte. Es geht vor allem darum, Marx‘ „kämpferische Seite“ zu entschärfen und sie abzustumpfen. So sei Marx nur ein "Denker des 19. Jahrhunderts" gewesen,[2] sein Werk würde es uns daher nicht erlauben, die spätere Entwicklung des 20. und 21. Jahrhunderts zu verstehen. Eine revolutionäre Perspektive gäbe es daher heute nicht mehr. Die Arbeiterklasse würde nicht mehr existieren und ihr politisches Projekt könnte nur zu einem Horror wie dem Stalinismus führen. Die gesamte politische Seite von Marx' Werk müsste endlich in den Mülleimer der Geschichte geworfen werden.

Aber ein subtilerer Teil dieser Propaganda behauptet, dass Marx, der "aktuelle" Marx, herangezogen werden sollte, da dies schlussendlich die Verteidigung von Demokratie, Liberalismus und Kritik der Entfremdung bestätigen könnte. Im Grunde wäre es eine Frage des Verständnisses von Marx nicht als dem revolutionären Kämpfer, der er war, sondern als ein Denker, von dem bestimmte Aspekte der Arbeit es ermöglichen würden, den Kapitalismus zu "verstehen" und zu verbessern, welcher, wenn sich selbst überlassen, "ungezügelt" durch die Kontrolle des Staates Ungleichheiten und wirtschaftliche Krisen erzeugen würde. Innerhalb der Bourgeoisie ziehen es die meisten vor, Marx als "einen ökonomisch weitsichtigen Denker" zu präsentieren, der die Krisen des Kapitalismus vorhergesehen und die Globalisierung, die Zunahme von Ungleichheiten usw. vorausgesagt hätte.

Unter Marx' Beweihräuchern sind viele auch seiner  sogenannten selbsternannten Erben, die seit einem Jahrhundert, von den Stalinisten bis zu den Linken, einschließlich der Trotzkisten, nicht aufgehört haben, im gleichen Sinne den revolutionären Marx zu entstellen, zu verunglimpfen, zu beschmutzen, indem sie ihn, wie Lenin richtigerweise vorausgesehen hatte, in einen quasi-religiösen Götzen verwandelten, sie ihn quasi heilig gesprochen und Statuen für ihn aufgestellt haben. All dies geschah, um das als Sozialismus oder Kommunismus zu präsentieren, was bei der Aufrechterhaltung der Herrschaft des Kapitalismus in der Zeit seines Niedergangs durch eine besondere und bedingungslose Verteidigung der Form der Konterrevolution, der Herrschaft des Staatskapitalismus nach dem Vorbild der UdSSR, in den Ländern des ehemaligen Ostblocks oder Chinas geschah.

Marx war in erster Linie ein Kämpfer

Vor allem muss man sich bei Engels daran erinnern, dass Marx zuerst ein Revolutionär, also ein Kämpfer war. Ohne diesen Ausgangspunkt kann man seine theoretische Arbeit nicht begreifen. Einige wollten Marx zu einem reinen Gelehrten machen, der mit seinen Büchern eingeschlossen und von der Welt zurückgezogen und abgeschnitten war. Aber nur ein revolutionärer Kämpfer kann ein Marxist sein. Seit seiner Teilnahme an den junghegelianischen  Aktivitäten in Berlin 1842 war Marx' Leben ein Kampf gegen den preußischen Absolutismus. Dieser Kampf wurde zu einem Kampf für den Kommunismus, als er die Ursachen des Elends eines beträchtlichen Teils der Gesellschaft zu verstehen suchte und mit den Pariser Arbeitern das Potential der Arbeiterklasse spürte. Es war dieser Kampf, der ihn ins Exil trieb, von einem Land ins andere getrieben und der ihn in ein Elend stürzte, das den Tod seines Sohnes verursachte. In dieser Hinsicht ist es wirklich obszön, Marx' Elend der Tatsache zuzuschreiben, dass weder er noch seine Frau wussten, wie man mit  Haushaltsgeld umgeht, weil sie aus wohlhabenden sozialen Schichten stammten, wie es ein Arte-Film darstellte. In Wirklichkeit nutzte Marx, erfüllt von dem Geiste proletarischer Solidarität, regelmäßig sein geringes Einkommen, um dieses in den Dienst der revolutionären Sache zu stellen.

Im Gegensatz zu den Aussagen von Jonathan Sperber war Marx kein „Journalist“, sondern ein Kämpfer, der wusste, dass der Kampf zunächst gegen die autoritäre preußische Monarchie und dann gegen die Bourgeoisie eine Propagandatätigkeit erforderlich machte, die er in [1] der Rheinische Zeitung , dann in der Deutsche-Brüsseler-Zeitung, in den Deutsch-Französische Jahrbücher und in der Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie, erfüllte. Als Kämpfer beteiligte sich Marx an den Tätigkeiten des Bund der Kommunisten und erfüllte ein Mandat des Bund der Kommunisten, indem er einen Haupttext der Arbeiterbewegung verfasste: Das Manifest der Kommunistischen Partei. Und weil er auch ein Kämpfer war (wie der Titel einer Bibliographie von B. Nicolaevsky, O. Maenchen-Helfen auf französisch lautet), stand die Sorge um den Zusammenschluss  der Revolutionäre und den Aufbau der Organisation im Mittelpunkt seines Wirkens. Und auch seine theoretischen Arbeiten wurden getragen von dem Anliegen, den Kampf der Arbeiterklasse voranzutreiben.

Das theoretische Werk Marx‘

Marx konnte eine immense theoretische Arbeit entfalten, weil er von der Sicht der Arbeiterklasse ausging, einer Klasse, die im Kapitalismus nichts zu verteidigen hat und durch ihren Kampf gegen ihre Ausbeutung "nur ihre Ketten verliert". Aus dieser Prämisse heraus verstand er, dass dieser Kampf potenziell das Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beinhaltet, gegen die die Menschheit seit der Entstehung der sozialen Klassen gekämpft hat, und dass die Befreiung der Arbeiterklasse die Entstehung der wiedervereinigten Menschheit, d.h. des Kommunismus, ermöglichen würde. Wenn Jacques Attali als Autor und Mitarbeiter der Zeitung ‚Le Monde Diplomatique‘  behauptet, Marx sei ein "Gründervater der modernen Demokratie", dann ist er nur ein Verfälscher im Dienste der Bourgeoisie, die uns die heutige Gesellschaft als die bestmögliche darstellt. Der Zweck dieser Propaganda ist es zu verhindern, dass die Arbeiterklasse versteht, dass die einzig mögliche Perspektive zur Überwindung des dahinsiechenden Kapitalismus der Kommunismus ist.

Ausgehend von den Bedürfnissen der Arbeiterklasse entfaltete Marx eine wissenschaftliche Methode, den historischen Materialismus, der es der Arbeiterklasse ermöglicht, ihren Kampf zu orientieren. Diese Methode ist kritisch und geht über Hegels Philosophie hinaus, indem sie das, was er entdeckt hatte, nämlich dass die Transformation der Realität immer ein dialektischer Prozess ist, "auf die Beine stellt". Diese Methode ermöglichte es ihm, Lehren aus den großen Kämpfen der Arbeiterklasse wie denen von 1848 und der Pariser Kommune zu ziehen. Seine Weitergabe an die ihm folgenden Generationen von Revolutionären sowie an die der kommunistischen Linken ermöglichte es auch, Lehren aus dem Scheitern der revolutionären Welle von 1917 zu ziehen. Marx' Ansatz ist lebendig; er besteht darin, die Realität mit seiner Methode zu untersuchen und sie im Lichte der erzielten Ergebnissen zu messen; dadurch können die Revolutionäre die Theorie bereichern.

Ausgehend von der Sicht der Arbeiterklasse konnte er auch begreifen, dass es wichtig ist zu verstehen, was die Arbeiterklasse bekämpft und was sie zerstören muss, um sich von ihren Ketten zu befreien. Er beschäftigte sich daher mit der Untersuchung der wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft, um daran Kritik zu üben (Kritik der politischen Ökonomie). Diese Studie ermöglichte ihm zu zeigen, dass die Grundlage des Kapitalismus der Warentausch ist und dass der Tausch die Grundlage der Lohnverhältnisse ist, d.h. das Verhältnis der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen im Kapitalismus. Es ist interessant, dieses grundlegende Ergebnis mit dem zu vergleichen, was die Zeitung Libération in einem Artikel zum Jahrestag seiner Geburt getan hat: Karl Marx "zeigt, dass der Erwerb von Arbeitskraft durch den Kapitalisten ein Problem der Unsicherheit über die Realität der Bemühungen der Arbeiter darstellt",  mit anderen Worten, wenn man die Arbeit des Arbeiters so messen könnte, dass seine Bemühungen erträglich sind, wäre die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen eine gute Sache ; hier ist ein gutes Beispiel dafür, wie Marx benutzt wird, um den Kapitalismus zu rechtfertigen ! Für Marx bedeutet "Kauf von Arbeitskraft" die "Produktion von Mehrwert" und damit Ausbeutung!

Auch durch den zutiefst militanten Aspekt seiner theoretischen Arbeiten konnte Marx einerseits erkennen, dass der Kapitalismus nicht ewig bestehen kann, und dass dieses System wie die ihm vorangegangenen Produktionsweisen an Grenzen stößt und historisch in eine Krise gerät. „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein“ (K. Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Vorwort, MEW 13, S. 9, 1859). Andererseits zeigte Marx, dass der Kapitalismus seinen eigenen Totengräber hervorbringt, das Proletariat, das sowohl die letzte ausgebeutete Klasse in der Geschichte ist, besitzlos, als auch die einzige potenziell revolutionäre soziale Klasse ist aufgrund des assoziierten Charakters ihrer Arbeit. Indem sich die Arbeiterklasse über alle Grenzen hinweg zusammenschließt, entfaltet sie die einzige Kraft ist, die den Kapitalismus auf internationaler Ebene zu stürzen vermag, um eine klassenlose Gesellschaft ohne Ausbeutung aufzubauen.

Die "großen Analysen" des 20. und 21. Jahrhunderts, die an der Oberfläche stehen bleibend, entweder behaupten, dass Marx' Denken überholt sei, oder dass es immer noch aktuell sei, weil er ein "Ökonom", ein "genialer Vorläufer" gegenwärtiger, in Mode befindlicher globalisierungskritischer Theorien zur "Korrektur der Exzesse" des Kapitalismus sei, zielen nur darauf ab, die Notwendigkeit des Kampfes um die proletarische Revolution zu verschleiern.

Die Organisation der Revolutionäre und der Arbeiterklasse

Die Erkenntnis, dass die Arbeiterklasse als einige Kraft dazu in der Lage ist den Kapitalismus zu stürzen und die Entstehung des Kommunismus zu ermöglichen, war aus  Marx‘ Sicht untrennbar verbunden mit der Notwendigkeit , dass sich das Proletariat selbst organisiert. In dieser Hinsicht wie in anderen Bereichen ist der Beitrag von Marx von wesentlicher Bedeutung. Bereits 1846 beteiligte er sich in einem Kommunistische Korrespondenz-Komitee, um deutsche, französische und englische Sozialisten zusammenzubringen, denn "zum Zeitpunkt der Aktion ist es sicherlich für jeden von großem Interesse, über den Stand der Dinge im In- und Ausland informiert zu sein". Die Notwendigkeit, sich zu organisieren, verdeutlichte sich später in seiner ständigen Teilnahme an den Kämpfen für die Errichtung und Verteidigung einer internationalen revolutionären Organisation innerhalb des Proletariats. Der Kampf für den Kommunismus und das tiefste Verständnis dessen, was dieser Kampf darstellt,  bedeutete, dass er den Kampf für die Umwandlung des Bund der Gerechten in den Bund der Kommunisten 1847 führte und zur Klärung der Rolle dieser Organisation innerhalb der Arbeiterklasse beitrug. Weil sie sich dieser Rolle sehr wohl bewusst waren, verteidigten Marx und Engels die Notwendigkeit eines Programms innerhalb des Bund der Kommunisten, wodurch 1848 das Kommunistische Manifest verfasst wurde.

Der Bund der Kommunisten konnte der Unterdrückung nach der Niederlage der Revolutionen von 1848 nicht widerstehen. Aber sobald die Kämpfe in den frühen 1860er Jahren wieder aufgenommen wurden, wurden andere organisatorische Anstrengungen unternommen. Von Anfang an war Marx ab 1864 an der  Internationalen Arbeiter-Assoziation (kurz „Erste Internationale“) beteiligt. Bei der Ausarbeitung der Statuten spielte er eine wichtige Rolle und er verfasste auch ihre Inauguraladresse. Seine Überzeugung von der Bedeutung der I. Internationale und seine theoretische Klarheit ließen ihn zur zentralen Figur in der Organisation werden. Sowohl im Bund der Kommunisten als auch in der I. Internationalen führte er einen entschlossenen Kampf, damit diese Organisationen ihre Rolle übernahmen. Seine theoretischen Überlegungen wurden nie von den Bedürfnissen des Kampfes getrennt. Aus diesen Gründen antwortete er im Bund der Kommunisten gegenüber Weitling: "Bis jetzt hat die Unwissenheit niemandem gedient", weil letzterer eine utopische und idealistische Auffassung vom Kommunismus vertrat. Deshalb kämpfte er auch innerhalb der I. Internationale gegen Mazzini, der wollte, dass die Organisation die nationalen Interessen verteidigte, und gegen Bakunin, der einen Komplott betrieb, um die Kontrolle über die I. Internationale zu übernehmen und sie in konspirative Abenteuer verwickelte, die die Massenaktion des Proletariats ersetzten.

Marx' theoretische Ausarbeitung ist eine beeindruckende Sicht, die hilft, die bürgerliche Gesellschaft sowohl im 19. als auch in den beiden nachfolgenden Jahrhunderten zu durchleuchten. Aber wenn wir diese Ausarbeitung nur als eine Sichtweise zum „Verständnis der Welt“ nach dem Vorbild aller Pseudo-Experten der Bourgeoisie betrachten, die dieses Jahr an seinen Geburt erinnern, wird sein Werk von einem Heiligenschein eines Mysteriums umgeben bleiben. Im Gegenteil, während die Bourgeoisie eine „no-future“ Sicht verbreitet,  muss sich die Arbeiterklasse von ihren Ketten befreien. Dazu muss sie nicht nur die theoretischen Entdeckungen von Marx nutzen, sondern sich auch von seinem Leben als Kämpfer inspirieren lassen. Die Mittel, die er zu entwickelte, waren immer in voller Übereinstimmung mit dem Ziel des proletarischen Kampfes, die Welt "umzuwälzen"!

Vitaz, 15. Juni 2018

[1]So erklärte Engels bei Marx' Beerdigung: "Und deswegen war Marx der bestgehasse und bestverleumdete Mann seiner Zeit. Regierungen, absolute wie republikanische, wiesen ihn aus, Bourgeois, konservative wie extrem-demokratische, logen ihm um die Wette Verlästerungen nach“ (Das Begräbnis von Marx, MEW 19, 18.3.1883, S. 336).

[2]Vor allem in der jüngsten Biographie des amerikanischen Gelehrten Jonathan Sperber mit dem Titel: ‚Karl Marx, Mann des 19. Jahrhunderts‘, die in den Medien auf ein großes Echo gestoßen ist.

Leute: Rubric: 
Geschichte der Arbeiterbewegung

Vor 170 Jahren erschien das Manifest der Kommunistischen Partei: "Auf dem Kongress des Bundes in London, der im November 1847 in London stattfand, wurden Marx und Engels beauftragt, die Veröffentlichung eines vollständigen theoretischen und praktischen Parteiprogramms in die Wege zu leiten.  In deutscher Sprache abgefasst, wurde das Manuskript im Januar 1848, wenige Wochen vor der Französischen Revolution vom 24. Februar, nach London zum Druck geschickt. Eine französische Übersetzung wurde kurz vor der Juni-Insurrektion von 1848 in Paris herausgebracht" (Vorwort von Engels zur Ausgabe 1888, MEW 4, S. 578).

Seitdem gab es unzählige Veröffentlichungen und Übersetzungen dieses Buches, das eines der berühmtesten Bücher der Welt geworden ist. Heute muss die offizielle Propaganda des bürgerlichen Staates die Idee des Kommunismus in Anbetracht des relativ neuen Interesses kleiner kämpferischer Minderheiten auf der Suche nach einer revolutionären Perspektive weiterhin stark diskreditieren und das Manifest zum finsteren und tragischen Werk einer blutigen Vergangenheit machen. Indem die stalinistische Konterrevolution betrügerisch und täuschend mit dem Aufkommen eines angeblich bankrotten Kommunismus gleichgesetzt wird, stellt man das Manifest so dar, als ob es ein "veraltetes", ja sogar "gefährliches" Projekt verkörperte. Schließlich ist das Manifest der Kommunistischen Partei wie in den Augen der schlimmsten Reaktionäre des 19. Jahrhunderts auch heute noch "das Werk des Teufels".

Ein Produkt des Klassenkampfes

Auf dem Höhepunkt der weltweiten Welle von revolutionären Kämpfen von 1917-1923, d.h.,  lange bevor der Ostblock zusammenbrach und damit der sogenannte Kommunismus zu Grabe getragen wurde, wurde das Manifest bereits von der herrschenden Klasse, die Sowjetrussland umzingelte, verleumdet und mit der Waffe in der Hand bekämpft. Damals blieb das Manifest mehr denn je ein Kompass für Revolutionäre, um das Proletariat beim Sturz des Kapitalismus für sein weltrevolutionäres Projekt zu leiten. In Riazanovs Vorträgen von 1922 über das Leben und Wirken von Marx und Engels galt das Manifest als reines Produkt eines Kampfes der Arbeiterklasse. Dies zeigt dieser Abschnitt: "Die Arbeiter stellten sich vor und luden Marx und Engels in ihre Vereinigung ein; Marx und Engels erklärten, dass sie nicht eintreten würden, bis ihr Programm angenommen wurde; die Arbeiter stimmten zu, organisierten den Bund der Kommunisten und beauftragten Marx und Engels sofort, das Manifest der Kommunistischen Partei zu schreiben.“ Diese "Zustimmung" war nicht zurückzuführen auf einen plötzlichen Impuls, eine Schwäche, die einer "autoritären Krise" und noch weniger einer "aufgezwungenen Aktion" von Marx und Engels wich. Im Gegenteil, es war das Ergebnis einer wirklichen Reifung des Bewusstseins der Arbeiter und das Ergebnis einer langen Debatte, ein militantes Produkt, das mit der organisierten Tätigkeit des Bund der Kommunisten verbunden war: "Die Debatten dauerten mehrere Tage, und Marx hatte große Schwierigkeiten, die Mehrheit von der Richtigkeit des neuen Programms zu überzeugen. Letzteres wurde in seinen Grundzügen angenommen, und der Kongress beauftragte Marx insbesondere, im Namen des Bund der Kommunisten nicht ein Glaubensbekenntnis, sondern ein Manifest zu schreiben“:[1] Es ist sehr wichtig zu betonen, dass das Manifest in erster Linie ein Mandat war, das Marx und Engels vom Kongress als Militante erhalten hatten und es war keineswegs nur deren eigenes Werk. Daher sollte ein Schreiben der Zentralbehörde an die Brüsseler Kreisbehörde vom 26. März auf der Grundlage einer am 24. Januar angenommenen Entschließung übermittelt werden, in dem sie um einen Bericht über seine Arbeit gebeten wird. Marx riskierte sogar ‚Maßregeln‘, falls er sein Mandat nicht rechtzeitig erfüllte.  „Die Zentralbehörde an die Kreisbehörde Brüssel, Beschluss vom 24. Januar 1848: Die Zentralbehörde beauftragt hiermit die Kreisbehörde Brüssel, dem K. Marx anzuzeigen, dass, wenn das „Manifest der K[ommunistischen] Partei“, dessen Abfassung er auf dem letztem Kongress übernommen, nicht bis Dienstag, 1. Februar d.J., in London angekommen ist, weitere Maßregeln gegen ihn ergriffen werden. In diesem Fall, dass K. Marx das Manifest nicht abfasst, verlangt die Zentralbehörde augenblickliche Zurücksendung der ihm vom Kongress zugestellten Dokumente. Im Namen und Auftrag etc. gez. Schapper, Bauer, Moll“ (Der Bund der Kommunisten, Dokumente und Materialien Band 1, S. 654).  Marx und Engels haben es, wie wir wissen, geschafft, ihre Arbeit pünktlich abzuschließen. Gleichzeitig hatten sie nicht aufgehört, im Sinne der Entwicklung der Einheit des Proletariats zu handeln, indem sie auch eine ganze beispielhafte Organisationsarbeit leisteten, deren Produkt und Werkzeug zugleich das Manifest selbst ist. Dadurch wurde auch eine Weiterentwicklung ihrer Arbeiten ermöglicht. "Die Historiker sind sich nicht dieses organisatorischen Wirkens von Marx bewusst, denn sie haben ihn als jemanden dargestellt, der nur in Hinterzimmern oder in Bibliotheken tätig ist. Seine Rolle als Organisator wurde verkannt; sie haben eine der interessantesten Seiten seines Wesens nicht gewürdigt. Wenn man die Rolle, die Marx (und ich betone Marx und nicht Engels) schon 1846-47 als ein Führer und Inspirator all dieser Organisationsarbeit nicht wahrnimmt, kann man die wesentliche Rolle nicht erkennen, die er als Organisator bei der Bewegung von 1848-49 und zur Zeit der I. Internationalen spielte.“ All diese militante Arbeit im Dienste der Einheit und des Kampfes des Proletariats findet sich in den Formulierungen des Manifests, das die Position der Kommunisten als "Avantgarde" definiert und nicht von der Arbeiterklasse getrennt ist: "Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen“ [2]

Ein echter Kompass für die Arbeiterbewegung

Die Bolschewiki hielten auch das Manifest der Kommunistischen Partei für einen echten "Kompass". Lenin selbst sagte über das Manifest: "Dieser Text ist enorm wertvoll: er inspiriert und belebt bis heute das gesamte organisierte und kämpfende Proletariat der zivilisierten Welt".[3] Die theoretische Kraft des Manifests kam über Marx' eigenes unbestreitbares Genie hinaus nur durch die Tatsache zum Tragen, dass  das Proletariat begann, sich als eine von der Gesellschaft unabhängige Klasse zu konstituieren. Dieser Kampf würde es dem Kommunismus selbst ermöglichen, über das abstrakte Ideal der Utopisten hinauszugehen und eine praktische soziale Bewegung zu werden, die auf einer wissenschaftlichen, dialektischen Methode basiert, der des historischen Materialismus. Die wesentliche Aufgabe bestand dann darin, die wahre Natur des Kommunismus, des Klassenkampfes und die Mittel zur Erreichung dieses Ziels auszuarbeiten, die in einem Programm formuliert werden mussten. Vor zwanzig Jahren sagten wir über das Manifest: "Es gibt kein Dokument, das die Bourgeoisie heute mehr stört als das Kommunistische Manifest, und zwar aus zwei Gründen. Erstens aufgrund der Beweisführung, dass die kapitalistische Produktionsweise nur eine historisch vorübergehende ist, und zweitens weil der unlösbare Charakter ihrer inneren Widersprüche aufgezeigt wurde, die durch die gegenwärtige Realität bestätigt werden. All das belastet  weiterhin die herrschende Klasse. Das Manifest wurde bereits damals geschrieben, um die Verwirrung der Arbeiterklasse über das Wesen des Kommunismus zu zerstreuen“.[4] Das Manifest ist ein echter Schatz für die Arbeiterbewegung. "Seiner Zeit voraus" gibt bietet es alle nötigen Waffen, um die herrschende Ideologie heute zu bekämpfen. Die Kritik am "konservativen oder bürgerlichen" Sozialismus der damaligen Zeit trifft auch ungeachtet der Unterschiede auf den Stalinismus des 20. Jahrhunderts zu und zeigt, was die Abschaffung von Privateigentum wirklich bedeutet. "(....) Durch die Transformation der materiellen Lebensbedingungen bedeutet dieser Sozialismus keineswegs die Abschaffung der bürgerlichen Produktionsbeziehungen, die nur mit revolutionären Mitteln erreicht werden können; damit sind nur Verwaltungsreformen gemeint, die auf der Grundlage dieser Produktionsbeziehungen durchgeführt werden, ohne folglich die Beziehungen von Kapital und Lohnarbeit zu beeinträchtigen, und die es der Bourgeoisie im besten Fall ermöglichen, die Kosten ihrer Herrschaft zu senken und den Staatshaushalt zu entlasten“. Zusätzlich zu diesen kritischen Elementen bekräftigt das Manifest einige wesentliche Elemente, die auch heute noch für den Kampf gültig sind.

- Die erste ist die Krise des kapitalistischen Systems, die Realität der "Überproduktion", die Tatsache, dass Kapitalismus und bürgerliche Gesellschaft durch die Geschichte obsolet  werden: "Die Gesellschaft kann nicht mehr unter ihr [der Bourgeoisie leben[; das heißt, ihr Leben ist nicht mehr verträglich mit der Gesellschaft“ (Manifest, MEW Bd 4, S. 473).

- das zweite wesentliche Element, während die Bourgeoisie nie aufhört zu sagen, dass das Proletariat "verschwunden" ist und dass nur die bürgerlichen "demokratischen" Reformen, angeblich "für das Volk", gültig sind, legt das Manifest im Gegenteil eine revolutionäre Perspektive frei, indem es dies klar unterstreicht: "Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse“ (MEW, Bd 4, S. 472). Ausdruck einer universellen Klasse, die von Natur aus ausgebeutet und revolutionär ist und in den kapitalistischen Produktionsbeziehungen assoziiert und vereint arbeitet, wird ihr Kampf nicht nur durch die Notwendigkeit sondern auch durch die Fähigkeit bestimmt, dieses Projekt zu verwirklichen. Eine der wichtigsten Klarstellungen des Manifests besteht darin, dass es viel deutlicher als zuvor feststellt, dass die Befreiung der Menschheit nun in den Händen des Proletariats liegt. Dieser Befreiungskampf des Proletariats muss sich der Bourgeoisie rücksichtslos entgegenstellen; es kann kein gemeinsames  Vorgehen zwischen Bourgeoisie und Proletariat mehr geben. Dies war ein Aspekt, der bis 1848 nicht so klar war und auch nicht immer danach. Erinnern wir uns, dass der Slogan des Bund der  Gerechten ("Alle Menschen sind Brüder") noch immer die ganze Verwirrung ausdrückt, die in der Arbeiterbewegung herrschte. Im Gegenteil, das Manifest bekräftigt den unüberwindbaren Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Es war damit Ausdruck eines entscheidenden Schrittes im Klassenbewusstsein.

- Die dritte betrifft das Wesen und die Rolle der Kommunisten, „Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ (Manifest, MEW 4, S. 474).

- der letzte Punkt, last but not least, ist die Bekräftigung des internationalistischen Charakters des Klassenkampfes: "Die Arbeiter haben kein Vaterland", der mehr denn je der Prüfstein für die Verteidigung von Klassenpositionen war und ist, ganz im Gegensatz zum Nationalismus des Klassenfeindes. Die Tatsache, dass das Manifest mit diesem lebendigen Aufruf endet: "Proletarier aller Länder vereinigt euch" ist der stärkste Ausdruck, der die an sich internationalistische Dimension des proletarischen Kampfes und die Verteidigung seines Grundprinzips widerspiegelt.

Wir könnten viele andere wichtige Aspekte hervorheben, die bereits im Manifest enthalten sind, aber wir möchten diese kurze militante Hommage abschließen, indem wir zu den ersten Zeilen der nicht minder berühmten Formel zurückkehren, die unserer Meinung nach ebenfalls noch relevant ist: "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus". In der Tat bekräftigen wir, dass das internationale Proletariat trotz der Schwierigkeiten, vor denen es heute steht, dennoch seine Fähigkeiten und die Kraft behält, die kapitalistische Ordnung niederzuschlagen, um sie durch eine Gesellschaft ohne Klassen, ohne Krieg und Ausbeutung zu ersetzen. Dieses "Gespenst" ist - auch wenn es den Herrschenden nicht gefällt - immer noch vorhanden! WH, 3. Juni 2018

[1] Riazanov, Marx und Engels.

[2] Marx und Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 474

[3] Lenin, Karl Marx und seine Lehre.

[4] 1848 - Das kommunistische Manifest: ein unverzichtbarer Kompass für die Zukunft der Menschheit (International Review Nr. 93).

Leute: Theoretische Fragen: Rubric: 
Geschichte der Arbeiterbewegung

Die Hauptausrichtungen des Berichts vom November 2017 über die imperialistischen Spannungen [1] bieten uns den wesentlichen Rahmen, um die aktuellen Entwicklungen zu verstehen:

- Das Ende der beiden Blöcke des Kalten Krieges bedeutete nicht das Verschwinden von Imperialismus und Militarismus. Obwohl die Zusammensetzung neuer Blöcke und der Ausbruch eines neuen "Kalten Krieges" nicht auf der Tagesordnung steht, brachen überall auf der Welt Konflikte aus. Die Entwicklung des Zerfalls hat zu einer blutigen und chaotischen Entfesselung von Imperialismus und Militarismus geführt;

- Die Explosion der Tendenz eines jeden für sich selbst hat zum Aufstieg der imperialistischen Ambitionen der Mächte der zweiten und dritten Ebene sowie zur zunehmenden  Schwächung der dominanten Stellung der USA in der Welt geführt;

- Die gegenwärtige Situation ist gekennzeichnet durch imperialistische Spannungen und ein immer weniger kontrollierbares Chaos, vor allem aber durch seinen höchst irrationalen und unberechenbaren Charakter, der mit den Auswirkungen des populistischen Drucks verbunden ist, insbesondere mit der Tatsache, dass die stärkste Macht der Welt heute von einem populistischen Präsidenten geführt wird, der mit von seinem Temperament geprägten unberechenbaren Reaktionen regiert.

In der letzten Zeit wird das Gewicht des Populismus immer greifbarer, was die Tendenz des "Jeder für sich" und die wachsende Unvorhersehbarkeit imperialistischer Konflikte verschärft;

- Die Infragestellung internationaler Abkommen, supranationaler Strukturen (insbesondere der EU), jedes globalen Ansatzes macht die imperialistischen Beziehungen chaotischer und verstärkt die Gefahr militärischer Konfrontationen zwischen den imperialistischen Haien (Iran und Naher Osten, Nordkorea und Ferner Osten).

- Die Ablehnung der traditionellen globalisierten politischen Eliten in vielen Ländern geht einher mit der Verstärkung einer aggressiven nationalistischen Rhetorik auf der ganzen Welt (nicht nur in den USA mit Trumps "America First"-Slogan und in Europa, sondern beispielsweise auch in der Türkei oder Russland).

Diese allgemeinen Merkmale der Zeit finden ihre Konkretisierung heute in einer Reihe von besonders bedeutsamen Tendenzen.

1) Die imperialistische Politik der USA: vom Weltpolizisten zur Haupttriebkraft der Tendenz des “jeder für sich”

Die Entwicklung der imperialistischen Politik der USA in den letzten dreißig Jahren ist eines der bedeutendsten Phänomene der Zeit des Zerfalls: Nach dem Versprechen eines neuen Zeitalters des Friedens und des Wohlstands (Bush Senior) nach der Implosion des Sowjetblocks, nachdem sie dann gegen die Tendenz des  “Jeder für sich” gekämpft hat, sie die USA heute die Haupttriebkraft dieser Tendenz in der Welt. Der ehemalige Blockführer und nach der Implosion des Ostblocks und mittlerweile einzig übrig gebliebene große imperialistische Supermacht, die seit rund 25 Jahren als Weltpolizist gegen die Ausbreitung des “jeder für sich” auf imperialistischer Ebene kämpft, lehnt nun internationale Verhandlungen und globale Abkommen zugunsten einer Politik des "Bilateralismus" ab.

Ein gemeinsames Prinzip, das darauf abzielt, das Chaos in den internationalen Beziehungen zu überwinden, ist im folgenden lateinischen Satz zusammengefasst: "pacta sunt servanda" - Verträge, Vereinbarungen müssen eingehalten werden. Wenn jemand ein globales Abkommen - oder ein multilaterales - unterzeichnet, soll er es zumindest scheinbar respektieren. Aber die USA unter Trump haben diese Vorstellung abgeschafft: "Ich unterschreibe einen Vertrag, aber ich kann ihn morgen abschaffen." Dies geschah bereits mit dem Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP, dem Pariser Abkommen über den Klimawandel, dem Atomvertrag mit dem Iran, dem endgültigen Abkommen vom G7-Gipfel in Québec. Die USA lehnen heute internationale Abkommen zugunsten einer Verhandlung zwischen Staaten ab, bei der die US-Bourgeoisie ihre Interessen durch wirtschaftliche, politische und militärische Erpressung (wie wir heute beispielsweise mit Kanada vor und nach der G7 im Hinblick auf die NAFTA oder mit der Androhung von Vergeltungsmaßnahmen gegen europäische Unternehmen, die im Iran investieren, sehen können) unverblümt durchsetzen wird. Dies wird enorme und unvorhersehbare Folgen für die Entwicklung der imperialistischen Spannungen und Konflikte (aber auch für die wirtschaftliche Situation der Welt) in der kommenden Periode haben. Wir werden dies mit drei "Hot Spots" in den heutigen imperialistischen Konfrontationen veranschaulichen:

(1) Der Nahe/Mittlere Osten: Mit der Kündigung des Atomabkommens mit dem Iran wenden sich die USA nicht nur gegen China und Russland, sondern auch gegen die EU und sogar gegen Großbritannien. Ihr scheinbar paradoxes Bündnis mit Israel und Saudi-Arabien führt zu einer neuen Konfiguration von Kräften im Nahen Osten (mit einer wachsenden Annäherung zwischen der Türkei, dem Iran und Russland) und erhöht die Gefahr einer allgemeinen Destabilisierung der Region, weiterer Konfrontationen zwischen den wichtigsten Haien und ausgedehnterer blutiger Kriege.

(2) Die Beziehungen zu Russland: Wie stehen die USA zu Putin? Aus historischen Gründen (die Auswirkungen des “Kalten Krieges" und das mit den letzten Präsidentschaftswahlen begonnene “Russia-gate”) gibt es in der US-Bourgeoisie starke Kräfte, die auf stärkere Konfrontationen mit Russland drängen, aber die Trump-Regierung scheint trotz der imperialistischen Konfrontation im Nahen Osten eine Verbesserung der Zusammenarbeit mit Russland nicht auszuschließen: So schlug Trump beispielsweise beim letzten G7 die Wiedereingliederung Russlands in das Forum der Industrieländer vor.

(3) Fernost: Weil nicht vorsehbar ist, ob Abkommen eingehalten werden, belastet dies die Verhandlungen mit Nordkorea besonders stark: (a) Welche Auswirkungen hat ein Abkommen zwischen Trump und Kim, wenn China, Russland, Japan und Südkorea nicht direkt an der Aushandlung dieses Abkommens beteiligt sind? Dies ist bereits an die Oberfläche gekommen, als Trump in Singapur zum Entsetzen seiner asiatischen "Verbündeten" offenbarte, dass er versprochen hatte, gemeinsame militärische Übungen in Südkorea zu beenden (b) wenn irgendein Deal jederzeit von den USA in Frage gestellt werden kann, wie weit kann Kim ihnen vertrauen? (c) werden sich Nord- und Südkorea in diesem Zusammenhang vollständig auf ihren "natürlichen Verbündeten" verlassen und erwägen sie eine alternative Strategie?

Obwohl diese Politik ein enormes Wachstum des Chaos und der Dynamik des “Jeder für sich” und letztlich auch eine weitere Schwächung der globalen Positionen der führenden Macht der Welt bedeutet, gibt es in den USA keine greifbare Alternative. Nach eineinhalb Jahren von Müllers Ermittlungen und anderem Druck gegen Trump sieht es nicht danach aus, dass Trump aus dem Amt gedrängt wird, unter anderem weil keine andere Kraft in Sicht ist. Die US-Bourgeoisie steckt weiterhin im Morast fest.

2) China: eine Politik der Vermeidung von zu viel direkter Konfrontation

Der Widerspruch könnte nicht stärker hervorstechen. Während die USA die Globalisierung verurteilen und auf "bilaterale" Abkommen zurückfallen, kündigt China ein globales Großprojekt an, die "Neue Seidenstraße", an der rund 65 Länder auf drei Kontinenten beteiligt sind, die 60% der Weltbevölkerung und rund ein Drittel des Welt-BIP repräsentieren und den Plan, in den nächsten 30 Jahren (2050!) bis zu 1,2 Billionen Dollar investieren.

Seit Beginn seines Wiederauftauchens, das auf systematischste und langfristigste Weise geplant war, hat China seine Armee modernisiert und eine "Perlenkette" aufgebaut - beginnend mit der Besetzung der Korallenriffe im Südchinesischen Meer und der Errichtung einer Kette von Militärstützpunkten im Indischen Ozean. Im Augenblick sucht China jedoch keine diekte Konfrontation mit den USA. Im Gegenteil, China will bis 2050 die mächtigste Volkswirtschaft der Welt werden und versucht, seine Verbindungen zum Rest der Welt auszubauen und dabei direkte Zusammenstöße zu vermeiden. Chinas Politik ist eine langfristige, im Gegensatz zu den von Trump favorisierten kurzfristigen Deals. Es will seine industrielle, technologische und vor allem militärische Kompetenz und Macht ausbauen. Auf dieser letzten Ebene haben die USA noch immer einen erheblichen Vorsprung vor China.

Zum gleichen Zeitpunkt des gescheiterten G7-Gipfels in Kanada (9.-10.6.18) organisierte China in Quingdao eine Konferenz der Shanghai Cooperation Organisation mit Beteiligung der Präsidenten von Russland (Putin), Indien (Modi), Iran (Rohani) und der Führer von Belarus, Usbekistan, Pakistan, Afghanistan, Tadschikistan und Kirgisien (20% des Welthandels, 40% der Weltbevölkerung). Chinas aktueller Schwerpunkt ist eindeutig das Seidenstraßenprojekt - das Ziel ist es, seinen Einfluss zu verbreiten. Es ist ein langfristiges Projekt und eine direkte Konfrontation mit den USA würde diesen Plänen entgegenwirken.

- Mit dieser Perspektive wird China seinen Einfluss nutzen, um auf ein Abkommen zu drängen, das zur Neutralisierung aller Atomwaffen in der koreanischen Region führt (einschließlich US-Waffen), das - vorausgesetzt, die USA würden dies akzeptieren - die US-Truppen nach Japan zurückdrängen und die unmittelbare Bedrohung für Nordchina verringern würde. 

Die Ambitionen Chinas werden jedoch unweigerlich zu einer Konfrontation mit den imperialistischen Zielen nicht nur der USA, sondern auch anderer Mächte wie Indien oder Russland führen:

- eine wachsende Konfrontation mit Indien, der anderen Großmacht in Asien, ist unvermeidlich. Beide Mächte haben mit einer massiven Aufrüstung ihrer Armeen begonnen und bereiten sich mittelfristig auf eine Verschärfung der Spannungen vor;

- In dieser Hinsicht befindet sich Russland in einer schwierigen Situation: Beide Länder kooperieren, aber auf lange Sicht kann Chinas Politik nur zu einer Konfrontation mit Russland führen. Russland hat in den letzten Jahren auf militärischer und imperialistischer Ebene wieder an Macht gewonnen, aber seine wirtschaftliche Rückständigkeit ist nicht überwunden, im Gegenteil: 2017 lag das russische BIP (Bruttoinlandsprodukt) nur 10% über dem BIP der Benelux-Länder!

- Schließlich ist es wahrscheinlich, dass Trumps Wirtschaftssanktionen und politische und militärische Provokationen China dazu zwingen werden, die USA kurzfristig direkter zu konfrontieren.

3) Der Aufstieg starker Führer und kriegerische Rhetorik

Die Verschärfung der Tendenz des “Jeder für sich” auf der imperialistischen Ebene und die wachsende Konkurrenz zwischen den imperialistischen Haien führen zu einem weiteren bedeutenden Phänomen dieser Phase des Zerfalls: die Übernahme der Macht  durch  "starke Führer" mit einer radikalen Sprache und einer aggressiven, nationalistischen Rhetorik.

Die Machtübernahme eines "starken Führers" und eine radikale Rhetorik über die Verteidigung der nationalen Identität (oft kombiniert mit Sozialprogrammen zugunsten von Familien, Kindern, Rentnern) ist typisch für populistische Regime (Trump natürlich, aber auch Salvini in Italien, Orbán in Ungarn, Kaczynski in Polen), Babiš in der Tschechischen Republik, ....), aber es ist auch eine allgemeinere Tendenz auf der ganzen Welt, nicht nur in den stärksten Mächten (Putin in Russland), sondern auch in zweitrangigen imperialistischen Ländern wie der Türkei (Erdogan), Iran, Saudi-Arabien (mit dem "weichen Putsch" des Kronprinzen Mohammed Ben Salman). In China wurde die Beschränkung der Staatspräsidentschaft auf zwei Fünfjahresperioden aus der Verfassung gestrichen, so dass sich Xi Jinping als "Führer auf Lebenszeit", der neue chinesische Kaiser (als Präsident, Parteichef und Vorsitzender der zentralen Militärkommission, was seit Deng Xiaoping nie geschehen ist), durchsetzt. "Demokratische" Slogans oder die Aufrechterhaltung demokratischer Fassaden (z.B. Menschenrechte) sind nicht mehr der dominierende Diskurs (wie die Gespräche zwischen Donald Trump und Kim Jong-un gezeigt haben), anders als zur Zeit des Auseinanderbrechens des Sowjetblocks und zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Sie sind einer Kombination aus sehr aggressiven Reden und pragmatischen imperialistischen Abmachungen gewichen.

Das stärkste Beispiel ist die Krise in Korea. Trump und Kim benutzten zunächst sowohl starken militärischen Druck (mit der Gefahr einer nuklearen Konfrontation) als auch eine sehr aggressive Sprache, bevor sie sich in Singapur trafen, um zu feilschen. Trump bot gigantische wirtschaftliche und politische Vorteile (das burmesische Modell) mit dem Ziel, Kim schließlich ins US-Lager zu ziehen. Das ist nicht völlig undenkbar, da die Nordkoreaner ein zweideutiges Verhältnis zu China haben und ihm sogar misstrauen. Der Verweis auf Libyen durch US-Beamte (National Security Adviser John Bolton) - Nordkorea könnte das gleiche Schicksal haben wie Libyen, als Gaddafi aufgefordert wurde, seine Waffen aufzugeben, und dann gewaltsam abgesetzt und getötet wurde - macht die Nordkoreaner besonders misstrauisch gegenüber amerikanischen Vorschlägen.

Diese politische Strategie ist eine allgemeinere Tendenz in den gegenwärtigen imperialistischen Konfrontationen, wie die aggressiven Tweets von Trump gegen Kanadas Premierminister Trudeau zeigen, "ein falscher und schwacher Führer", weil er sich weigerte, höhere Einfuhrsteuern zu akzeptieren, die von den USA eingeführt wurden.  Es gab auch das brutale Ultimatum Saudi-Arabiens gegen Katar, das des "Zentrismus" gegenüber dem Iran beschuldigt wurde, oder Erdogans kriegerische Erklärungen gegen den Westen und die NATO über die Kurden. Schließlich werden wir Putins sehr aggressive "State of the Union"-Rede erwähnen, die eine Präsentation der ausgefeiltesten Waffensysteme Russlands mit der Botschaft war: "Ihr nehmt uns besser ernst"!

Diese Tendenzen verstärken die allgemeinen Merkmale dieser Zeit, wie die Intensivierung der Militarisierung (trotz der damit verbundenen starken wirtschaftlichen Belastung) unter den drei größten imperialistischen Haien, aber auch als globaler Trend und im Kontext einer sich verändernden imperialistischen Landschaft in der Welt und in Europa. In diesem Kontext aggressiver Politik ist die Gefahr begrenzter Atomschläge sehr real, da es in den Konflikten um Nordkorea und den Iran viele unvorhersehbare Elemente gibt.

4) Die Tendenz zur Fragmentierung der EU.

Alle Trends in Europa in der vergangenen Zeit - Brexit, der Aufstieg einer wichtigen populistischen Partei in Deutschland (AfD), die Machtübernahme der Populisten in Osteuropa, wo die meisten Länder von populistischen Regierungen regiert werden, werden durch zwei große Ereignisse akzentuiert:

- die Bildung einer 100% populistischen Regierung in Italien (bestehend aus der 5-Sterne-Bewegung und der Lega), die zu einer direkten Konfrontation zwischen den "Bürokraten aus Brüssel" (der EU), den "Champions" der Globalisierung (unterstützt von der Eurogruppe) und den Finanzmärkten auf der einen Seite und der "populistischen Volksfront" auf der anderen Seite führen wird;

- der Sturz von Rajoy und der Partido Popular in Spanien und die Machtübernahme einer Minderheitsregierung der Sozialistischen Partei, die von den katalanischen und baskischen Nationalisten und Podemos unterstützt wird, was die zentrifugalen Spannungen innerhalb Spaniens und in Europa verstärken wird.

Dies wird enorme Folgen für den Zusammenhalt der EU, die Stabilität des Euro und das Gewicht der europäischen Länder auf der imperialistischen Bühne haben.

(a) Die EU ist unvorbereitet und weitgehend machtlos gegen Trumps Politik eines US-Embargos gegen den Iran: Die europäischen multinationalen Unternehmen halten sich bereits an die Vorgaben der USA (Total, Lafarge). Dies gilt umso mehr, als verschiedene europäische Staaten Trumps populistischen Ansatz und seine Politik im Nahen Osten unterstützen (Österreich, Ungarn, Tschechien und Rumänien waren bei der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem gegen die offizielle Politik der EU vertreten). Was die Erhöhung der Einfuhrzölle betrifft, so ist es keineswegs sicher, dass es innerhalb der EU ein Abkommen geben wird, um systematisch auf die von Trump erhobenen höheren Einfuhrzölle zu reagieren.

(b) Das Projekt eines europäischen Militärpols bleibt weitgehend hypothetisch in dem Sinne, dass sich immer mehr Länder unter dem Einfluss populistischer Kräfte an der Macht oder unter Druck auf die Regierung nicht der deutsch-französischen Achse unterwerfen wollen. Während die politische Führung der EU aus der deutsch-französischen Achse besteht, hat Frankreich traditionell die militärisch-technologische Zusammenarbeit mit Großbritannien entwickelt, das kurz davor steht, die EU zu verlassen.

(c) Spannungen um die Aufnahme von Flüchtlingen bringen nicht nur die Koalition populistischer Regierungen im Osten gegen jene Westeuropas auf, sondern zunehmend auch westliche Länder gegeneinander, wie die starken Spannungen zwischen Macron's Frankreich und der italienischen populistischen Regierung zeigen, während Deutschland in dieser Frage zunehmend gespalten ist (Druck der CSU).

d) das wirtschaftliche und politische Gewicht Italiens (der dritten Volkswirtschaft der EU) ist beträchtlich und in keiner Weise mit dem Gewicht Griechenlands vergleichbar. Die italienische populistische Regierung will unter anderem Steuern senken und ein Grundeinkommen einführen, das mehr als hundert Milliarden Euro kosten wird. Gleichzeitig fordert die Regierung die Europäische Zentralbank auf, 250 Milliarden Euro der italienischen Schulden zu überspringen!

(e) Auf wirtschaftlicher, aber auch imperialistischer Ebene hatte Griechenland bereits die Idee entwickelt, an China zu appellieren, seine angeschlagene Wirtschaft zu unterstützen. Auch hier plant Italien, China oder Russland um Hilfe zur Unterstützung und Finanzierung einer wirtschaftlichen Erholung zu bitten. Eine solche Orientierung könnte einen großen Einfluss auf die imperialistische Ebene haben. Italien ist bereits gegen die Fortsetzung der EU-Embargomaßnahmen gegen Russland nach der Annexion der Krim.

All diese Orientierungen verstärken die Krise innerhalb der EU und die Tendenzen zur Fragmentierung. Es wird letztlich die Politik Deutschlands als einflussreichstes Land in der EU beeinflussen, da es intern gespalten ist (Gewicht von AfD und CSU), mit politischer Opposition durch die populistischen Führer Osteuropas, wirtschaftlicher Opposition durch die Mittelmeerländer (Italien, Griechenland,....) und mit Streit mit der Türkei konfrontiert ist, während es gleichzeitig direkt von den Importzöllen von Trump angegriffen wird. Die zunehmende Zersplitterung Europas durch die Einflüsse des Populismus und der "America First"-Politik wird auch für die Politik Frankreichs ein großes Problem darstellen, denn diese Trends stehen in völligem Widerspruch zu Macrons Programm, das im Wesentlichen auf der Stärkung Europas und der vollständigen Integration der Globalisierung beruht.

IKS, Juni 2018

Rubric: 
Internationale Situation

Die Hauptausrichtungen des Berichts vom November 2017 über die imperialistischen Spannungen [1] bieten uns den wesentlichen Rahmen, um die aktuellen Entwicklungen zu verstehen:

- Das Ende der beiden Blöcke des Kalten Krieges bedeutete nicht das Verschwinden von Imperialismus und Militarismus. Obwohl die Zusammensetzung neuer Blöcke und der Ausbruch eines neuen "Kalten Krieges" nicht auf der Tagesordnung steht, brachen überall auf der Welt Konflikte aus. Die Entwicklung des Zerfalls hat zu einer blutigen und chaotischen Entfesselung von Imperialismus und Militarismus geführt;

- Die Explosion der Tendenz eines jeden für sich selbst hat zum Aufstieg der imperialistischen Ambitionen der Mächte der zweiten und dritten Ebene sowie zur zunehmenden  Schwächung der dominanten Stellung der USA in der Welt geführt;

- Die gegenwärtige Situation ist gekennzeichnet durch imperialistische Spannungen und ein immer weniger kontrollierbares Chaos, vor allem aber durch seinen höchst irrationalen und unberechenbaren Charakter, der mit den Auswirkungen des populistischen Drucks verbunden ist, insbesondere mit der Tatsache, dass die stärkste Macht der Welt heute von einem populistischen Präsidenten geführt wird, der mit von seinem Temperament geprägten unberechenbaren Reaktionen regiert.

In der letzten Zeit wird das Gewicht des Populismus immer greifbarer, was die Tendenz des "Jeder für sich" und die wachsende Unvorhersehbarkeit imperialistischer Konflikte verschärft;

- Die Infragestellung internationaler Abkommen, supranationaler Strukturen (insbesondere der EU), jedes globalen Ansatzes macht die imperialistischen Beziehungen chaotischer und verstärkt die Gefahr militärischer Konfrontationen zwischen den imperialistischen Haien (Iran und Naher Osten, Nordkorea und Ferner Osten).

- Die Ablehnung der traditionellen globalisierten politischen Eliten in vielen Ländern geht einher mit der Verstärkung einer aggressiven nationalistischen Rhetorik auf der ganzen Welt (nicht nur in den USA mit Trumps "America First"-Slogan und in Europa, sondern beispielsweise auch in der Türkei oder Russland).

Diese allgemeinen Merkmale der Zeit finden ihre Konkretisierung heute in einer Reihe von besonders bedeutsamen Tendenzen.

1) Die imperialistische Politik der USA: vom Weltpolizisten zur Haupttriebkraft der Tendenz des “jeder für sich”

Die Entwicklung der imperialistischen Politik der USA in den letzten dreißig Jahren ist eines der bedeutendsten Phänomene der Zeit des Zerfalls: Nach dem Versprechen eines neuen Zeitalters des Friedens und des Wohlstands (Bush Senior) nach der Implosion des Sowjetblocks, nachdem sie dann gegen die Tendenz des  “Jeder für sich” gekämpft hat, sie die USA heute die Haupttriebkraft dieser Tendenz in der Welt. Der ehemalige Blockführer und nach der Implosion des Ostblocks und mittlerweile einzig übrig gebliebene große imperialistische Supermacht, die seit rund 25 Jahren als Weltpolizist gegen die Ausbreitung des “jeder für sich” auf imperialistischer Ebene kämpft, lehnt nun internationale Verhandlungen und globale Abkommen zugunsten einer Politik des "Bilateralismus" ab.

Ein gemeinsames Prinzip, das darauf abzielt, das Chaos in den internationalen Beziehungen zu überwinden, ist im folgenden lateinischen Satz zusammengefasst: "pacta sunt servanda" - Verträge, Vereinbarungen müssen eingehalten werden. Wenn jemand ein globales Abkommen - oder ein multilaterales - unterzeichnet, soll er es zumindest scheinbar respektieren. Aber die USA unter Trump haben diese Vorstellung abgeschafft: "Ich unterschreibe einen Vertrag, aber ich kann ihn morgen abschaffen." Dies geschah bereits mit dem Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP, dem Pariser Abkommen über den Klimawandel, dem Atomvertrag mit dem Iran, dem endgültigen Abkommen vom G7-Gipfel in Québec. Die USA lehnen heute internationale Abkommen zugunsten einer Verhandlung zwischen Staaten ab, bei der die US-Bourgeoisie ihre Interessen durch wirtschaftliche, politische und militärische Erpressung (wie wir heute beispielsweise mit Kanada vor und nach der G7 im Hinblick auf die NAFTA oder mit der Androhung von Vergeltungsmaßnahmen gegen europäische Unternehmen, die im Iran investieren, sehen können) unverblümt durchsetzen wird. Dies wird enorme und unvorhersehbare Folgen für die Entwicklung der imperialistischen Spannungen und Konflikte (aber auch für die wirtschaftliche Situation der Welt) in der kommenden Periode haben. Wir werden dies mit drei "Hot Spots" in den heutigen imperialistischen Konfrontationen veranschaulichen:

(1) Der Nahe/Mittlere Osten: Mit der Kündigung des Atomabkommens mit dem Iran wenden sich die USA nicht nur gegen China und Russland, sondern auch gegen die EU und sogar gegen Großbritannien. Ihr scheinbar paradoxes Bündnis mit Israel und Saudi-Arabien führt zu einer neuen Konfiguration von Kräften im Nahen Osten (mit einer wachsenden Annäherung zwischen der Türkei, dem Iran und Russland) und erhöht die Gefahr einer allgemeinen Destabilisierung der Region, weiterer Konfrontationen zwischen den wichtigsten Haien und ausgedehnterer blutiger Kriege.

(2) Die Beziehungen zu Russland: Wie stehen die USA zu Putin? Aus historischen Gründen (die Auswirkungen des “Kalten Krieges" und das mit den letzten Präsidentschaftswahlen begonnene “Russia-gate”) gibt es in der US-Bourgeoisie starke Kräfte, die auf stärkere Konfrontationen mit Russland drängen, aber die Trump-Regierung scheint trotz der imperialistischen Konfrontation im Nahen Osten eine Verbesserung der Zusammenarbeit mit Russland nicht auszuschließen: So schlug Trump beispielsweise beim letzten G7 die Wiedereingliederung Russlands in das Forum der Industrieländer vor.

(3) Fernost: Weil nicht vorsehbar ist, ob Abkommen eingehalten werden, belastet dies die Verhandlungen mit Nordkorea besonders stark: (a) Welche Auswirkungen hat ein Abkommen zwischen Trump und Kim, wenn China, Russland, Japan und Südkorea nicht direkt an der Aushandlung dieses Abkommens beteiligt sind? Dies ist bereits an die Oberfläche gekommen, als Trump in Singapur zum Entsetzen seiner asiatischen "Verbündeten" offenbarte, dass er versprochen hatte, gemeinsame militärische Übungen in Südkorea zu beenden (b) wenn irgendein Deal jederzeit von den USA in Frage gestellt werden kann, wie weit kann Kim ihnen vertrauen? (c) werden sich Nord- und Südkorea in diesem Zusammenhang vollständig auf ihren "natürlichen Verbündeten" verlassen und erwägen sie eine alternative Strategie?

Obwohl diese Politik ein enormes Wachstum des Chaos und der Dynamik des “Jeder für sich” und letztlich auch eine weitere Schwächung der globalen Positionen der führenden Macht der Welt bedeutet, gibt es in den USA keine greifbare Alternative. Nach eineinhalb Jahren von Müllers Ermittlungen und anderem Druck gegen Trump sieht es nicht danach aus, dass Trump aus dem Amt gedrängt wird, unter anderem weil keine andere Kraft in Sicht ist. Die US-Bourgeoisie steckt weiterhin im Morast fest.

2) China: eine Politik der Vermeidung von zu viel direkter Konfrontation

Der Widerspruch könnte nicht stärker hervorstechen. Während die USA die Globalisierung verurteilen und auf "bilaterale" Abkommen zurückfallen, kündigt China ein globales Großprojekt an, die "Neue Seidenstraße", an der rund 65 Länder auf drei Kontinenten beteiligt sind, die 60% der Weltbevölkerung und rund ein Drittel des Welt-BIP repräsentieren und den Plan, in den nächsten 30 Jahren (2050!) bis zu 1,2 Billionen Dollar investieren.

Seit Beginn seines Wiederauftauchens, das auf systematischste und langfristigste Weise geplant war, hat China seine Armee modernisiert und eine "Perlenkette" aufgebaut - beginnend mit der Besetzung der Korallenriffe im Südchinesischen Meer und der Errichtung einer Kette von Militärstützpunkten im Indischen Ozean. Im Augenblick sucht China jedoch keine diekte Konfrontation mit den USA. Im Gegenteil, China will bis 2050 die mächtigste Volkswirtschaft der Welt werden und versucht, seine Verbindungen zum Rest der Welt auszubauen und dabei direkte Zusammenstöße zu vermeiden. Chinas Politik ist eine langfristige, im Gegensatz zu den von Trump favorisierten kurzfristigen Deals. Es will seine industrielle, technologische und vor allem militärische Kompetenz und Macht ausbauen. Auf dieser letzten Ebene haben die USA noch immer einen erheblichen Vorsprung vor China.

Zum gleichen Zeitpunkt des gescheiterten G7-Gipfels in Kanada (9.-10.6.18) organisierte China in Quingdao eine Konferenz der Shanghai Cooperation Organisation mit Beteiligung der Präsidenten von Russland (Putin), Indien (Modi), Iran (Rohani) und der Führer von Belarus, Usbekistan, Pakistan, Afghanistan, Tadschikistan und Kirgisien (20% des Welthandels, 40% der Weltbevölkerung). Chinas aktueller Schwerpunkt ist eindeutig das Seidenstraßenprojekt - das Ziel ist es, seinen Einfluss zu verbreiten. Es ist ein langfristiges Projekt und eine direkte Konfrontation mit den USA würde diesen Plänen entgegenwirken.

- Mit dieser Perspektive wird China seinen Einfluss nutzen, um auf ein Abkommen zu drängen, das zur Neutralisierung aller Atomwaffen in der koreanischen Region führt (einschließlich US-Waffen), das - vorausgesetzt, die USA würden dies akzeptieren - die US-Truppen nach Japan zurückdrängen und die unmittelbare Bedrohung für Nordchina verringern würde. 

Die Ambitionen Chinas werden jedoch unweigerlich zu einer Konfrontation mit den imperialistischen Zielen nicht nur der USA, sondern auch anderer Mächte wie Indien oder Russland führen:

- eine wachsende Konfrontation mit Indien, der anderen Großmacht in Asien, ist unvermeidlich. Beide Mächte haben mit einer massiven Aufrüstung ihrer Armeen begonnen und bereiten sich mittelfristig auf eine Verschärfung der Spannungen vor;

- In dieser Hinsicht befindet sich Russland in einer schwierigen Situation: Beide Länder kooperieren, aber auf lange Sicht kann Chinas Politik nur zu einer Konfrontation mit Russland führen. Russland hat in den letzten Jahren auf militärischer und imperialistischer Ebene wieder an Macht gewonnen, aber seine wirtschaftliche Rückständigkeit ist nicht überwunden, im Gegenteil: 2017 lag das russische BIP (Bruttoinlandsprodukt) nur 10% über dem BIP der Benelux-Länder!

- Schließlich ist es wahrscheinlich, dass Trumps Wirtschaftssanktionen und politische und militärische Provokationen China dazu zwingen werden, die USA kurzfristig direkter zu konfrontieren.

3) Der Aufstieg starker Führer und kriegerische Rhetorik

Die Verschärfung der Tendenz des “Jeder für sich” auf der imperialistischen Ebene und die wachsende Konkurrenz zwischen den imperialistischen Haien führen zu einem weiteren bedeutenden Phänomen dieser Phase des Zerfalls: die Übernahme der Macht  durch  "starke Führer" mit einer radikalen Sprache und einer aggressiven, nationalistischen Rhetorik.

Die Machtübernahme eines "starken Führers" und eine radikale Rhetorik über die Verteidigung der nationalen Identität (oft kombiniert mit Sozialprogrammen zugunsten von Familien, Kindern, Rentnern) ist typisch für populistische Regime (Trump natürlich, aber auch Salvini in Italien, Orbán in Ungarn, Kaczynski in Polen), Babiš in der Tschechischen Republik, ....), aber es ist auch eine allgemeinere Tendenz auf der ganzen Welt, nicht nur in den stärksten Mächten (Putin in Russland), sondern auch in zweitrangigen imperialistischen Ländern wie der Türkei (Erdogan), Iran, Saudi-Arabien (mit dem "weichen Putsch" des Kronprinzen Mohammed Ben Salman). In China wurde die Beschränkung der Staatspräsidentschaft auf zwei Fünfjahresperioden aus der Verfassung gestrichen, so dass sich Xi Jinping als "Führer auf Lebenszeit", der neue chinesische Kaiser (als Präsident, Parteichef und Vorsitzender der zentralen Militärkommission, was seit Deng Xiaoping nie geschehen ist), durchsetzt. "Demokratische" Slogans oder die Aufrechterhaltung demokratischer Fassaden (z.B. Menschenrechte) sind nicht mehr der dominierende Diskurs (wie die Gespräche zwischen Donald Trump und Kim Jong-un gezeigt haben), anders als zur Zeit des Auseinanderbrechens des Sowjetblocks und zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Sie sind einer Kombination aus sehr aggressiven Reden und pragmatischen imperialistischen Abmachungen gewichen.

Das stärkste Beispiel ist die Krise in Korea. Trump und Kim benutzten zunächst sowohl starken militärischen Druck (mit der Gefahr einer nuklearen Konfrontation) als auch eine sehr aggressive Sprache, bevor sie sich in Singapur trafen, um zu feilschen. Trump bot gigantische wirtschaftliche und politische Vorteile (das burmesische Modell) mit dem Ziel, Kim schließlich ins US-Lager zu ziehen. Das ist nicht völlig undenkbar, da die Nordkoreaner ein zweideutiges Verhältnis zu China haben und ihm sogar misstrauen. Der Verweis auf Libyen durch US-Beamte (National Security Adviser John Bolton) - Nordkorea könnte das gleiche Schicksal haben wie Libyen, als Gaddafi aufgefordert wurde, seine Waffen aufzugeben, und dann gewaltsam abgesetzt und getötet wurde - macht die Nordkoreaner besonders misstrauisch gegenüber amerikanischen Vorschlägen.

Diese politische Strategie ist eine allgemeinere Tendenz in den gegenwärtigen imperialistischen Konfrontationen, wie die aggressiven Tweets von Trump gegen Kanadas Premierminister Trudeau zeigen, "ein falscher und schwacher Führer", weil er sich weigerte, höhere Einfuhrsteuern zu akzeptieren, die von den USA eingeführt wurden.  Es gab auch das brutale Ultimatum Saudi-Arabiens gegen Katar, das des "Zentrismus" gegenüber dem Iran beschuldigt wurde, oder Erdogans kriegerische Erklärungen gegen den Westen und die NATO über die Kurden. Schließlich werden wir Putins sehr aggressive "State of the Union"-Rede erwähnen, die eine Präsentation der ausgefeiltesten Waffensysteme Russlands mit der Botschaft war: "Ihr nehmt uns besser ernst"!

Diese Tendenzen verstärken die allgemeinen Merkmale dieser Zeit, wie die Intensivierung der Militarisierung (trotz der damit verbundenen starken wirtschaftlichen Belastung) unter den drei größten imperialistischen Haien, aber auch als globaler Trend und im Kontext einer sich verändernden imperialistischen Landschaft in der Welt und in Europa. In diesem Kontext aggressiver Politik ist die Gefahr begrenzter Atomschläge sehr real, da es in den Konflikten um Nordkorea und den Iran viele unvorhersehbare Elemente gibt.

4) Die Tendenz zur Fragmentierung der EU.

Alle Trends in Europa in der vergangenen Zeit - Brexit, der Aufstieg einer wichtigen populistischen Partei in Deutschland (AfD), die Machtübernahme der Populisten in Osteuropa, wo die meisten Länder von populistischen Regierungen regiert werden, werden durch zwei große Ereignisse akzentuiert:

- die Bildung einer 100% populistischen Regierung in Italien (bestehend aus der 5-Sterne-Bewegung und der Lega), die zu einer direkten Konfrontation zwischen den "Bürokraten aus Brüssel" (der EU), den "Champions" der Globalisierung (unterstützt von der Eurogruppe) und den Finanzmärkten auf der einen Seite und der "populistischen Volksfront" auf der anderen Seite führen wird;

- der Sturz von Rajoy und der Partido Popular in Spanien und die Machtübernahme einer Minderheitsregierung der Sozialistischen Partei, die von den katalanischen und baskischen Nationalisten und Podemos unterstützt wird, was die zentrifugalen Spannungen innerhalb Spaniens und in Europa verstärken wird.

Dies wird enorme Folgen für den Zusammenhalt der EU, die Stabilität des Euro und das Gewicht der europäischen Länder auf der imperialistischen Bühne haben.

(a) Die EU ist unvorbereitet und weitgehend machtlos gegen Trumps Politik eines US-Embargos gegen den Iran: Die europäischen multinationalen Unternehmen halten sich bereits an die Vorgaben der USA (Total, Lafarge). Dies gilt umso mehr, als verschiedene europäische Staaten Trumps populistischen Ansatz und seine Politik im Nahen Osten unterstützen (Österreich, Ungarn, Tschechien und Rumänien waren bei der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem gegen die offizielle Politik der EU vertreten). Was die Erhöhung der Einfuhrzölle betrifft, so ist es keineswegs sicher, dass es innerhalb der EU ein Abkommen geben wird, um systematisch auf die von Trump erhobenen höheren Einfuhrzölle zu reagieren.

(b) Das Projekt eines europäischen Militärpols bleibt weitgehend hypothetisch in dem Sinne, dass sich immer mehr Länder unter dem Einfluss populistischer Kräfte an der Macht oder unter Druck auf die Regierung nicht der deutsch-französischen Achse unterwerfen wollen. Während die politische Führung der EU aus der deutsch-französischen Achse besteht, hat Frankreich traditionell die militärisch-technologische Zusammenarbeit mit Großbritannien entwickelt, das kurz davor steht, die EU zu verlassen.

(c) Spannungen um die Aufnahme von Flüchtlingen bringen nicht nur die Koalition populistischer Regierungen im Osten gegen jene Westeuropas auf, sondern zunehmend auch westliche Länder gegeneinander, wie die starken Spannungen zwischen Macron's Frankreich und der italienischen populistischen Regierung zeigen, während Deutschland in dieser Frage zunehmend gespalten ist (Druck der CSU).

d) das wirtschaftliche und politische Gewicht Italiens (der dritten Volkswirtschaft der EU) ist beträchtlich und in keiner Weise mit dem Gewicht Griechenlands vergleichbar. Die italienische populistische Regierung will unter anderem Steuern senken und ein Grundeinkommen einführen, das mehr als hundert Milliarden Euro kosten wird. Gleichzeitig fordert die Regierung die Europäische Zentralbank auf, 250 Milliarden Euro der italienischen Schulden zu überspringen!

(e) Auf wirtschaftlicher, aber auch imperialistischer Ebene hatte Griechenland bereits die Idee entwickelt, an China zu appellieren, seine angeschlagene Wirtschaft zu unterstützen. Auch hier plant Italien, China oder Russland um Hilfe zur Unterstützung und Finanzierung einer wirtschaftlichen Erholung zu bitten. Eine solche Orientierung könnte einen großen Einfluss auf die imperialistische Ebene haben. Italien ist bereits gegen die Fortsetzung der EU-Embargomaßnahmen gegen Russland nach der Annexion der Krim.

All diese Orientierungen verstärken die Krise innerhalb der EU und die Tendenzen zur Fragmentierung. Es wird letztlich die Politik Deutschlands als einflussreichstes Land in der EU beeinflussen, da es intern gespalten ist (Gewicht von AfD und CSU), mit politischer Opposition durch die populistischen Führer Osteuropas, wirtschaftlicher Opposition durch die Mittelmeerländer (Italien, Griechenland,....) und mit Streit mit der Türkei konfrontiert ist, während es gleichzeitig direkt von den Importzöllen von Trump angegriffen wird. Die zunehmende Zersplitterung Europas durch die Einflüsse des Populismus und der "America First"-Politik wird auch für die Politik Frankreichs ein großes Problem darstellen, denn diese Trends stehen in völligem Widerspruch zu Macrons Programm, das im Wesentlichen auf der Stärkung Europas und der vollständigen Integration der Globalisierung beruht.

IKS, Juni 2018

Rubric: 
Internationale Situation
Öffentliche Veranstaltung

Es sind fünfzig Jahre her, seit Frankreich den größten Streik in seiner Geschichte gesehen hat: annähernd 9 Millionen Streikende! Nach der Niederlage von 1917 und der darauf folgenden Periode der grausamen stalinistischen Konterrevolution, nahm das Weltproletariat im Mai 1986 den Weg seines Kampfes wieder auf.

Dieses Ereignis in Frankreich war in erster Linie der spontane Ausdruck einer internationalen Bewegung des Proletariats, etwas was die Bourgeoisie immer versucht hat zu verbergen um es auf eine große weitgefächerte Bewegung zu reduzieren: Revoltierende Studenten, die sexuelle Befreiung, die Befreiung der Frauen, die Infragestellung der Autorität in den Familien, die Demokratisierung bestimmter Institutionen wie der Universität und neue künstlerische Ausdrucksformen.

Und auch heute ruft die herrschende Klasse diese Episode der Geschichte der Arbeiterklasse in Erinnerung  um sie nur noch tiefer verzerren zu können.

Nicht nur indem man sie immer in eine einfache Studenten- oder Hedonistenrevolte verwandelt, sondern auch vor allem indem man das Gewissen und jede Form der Reflexion angreift, die die etablierte Ordnung in Frage stellen könnte.

Jede Vorstellung von Revolution gehöre nun der Vergangenheit an und es seien bloß noch exzentrische Träumereien verwöhnter Studenten.

Diejenigen die wiederum diese Propaganda der Bourgeoisie ablehnen, müssen auch heute in der Lage sein zu diskutieren, was der Mai 68 wirklich repräsentierte. Wir müssen versuchen die Lehren zu ziehen um den revolutionären Kampf zu führen und auch fortzusetzen. Das wollen wir bei unseren nächsten öffentlichen Treffen in Berlin und Zürich tun!

 

IKS, Mai 2018.  auf de.internationalism.org sind auch weitere Textbeiträge zum Thema zu finden.

Thema: 
Die Gewichtung des Mai 68 als proletari-schen Kampf bewahren!
Termin: 
Samstag, 30 Juni, 2018 - 18:00
Adresse: 

Volkshaus Zürich

Stauffacher Str. 60

 

CH-8004 Zürich

Öffentliche Veranstaltung

Es sind fünfzig Jahre her, seit Frankreich den größten Streik in seiner Geschichte gesehen hat: annähernd 9 Millionen Streikende! Nach der Niederlage von 1917 und der darauf folgenden Periode der grausamen stalinistischen Konterrevolution, nahm das Weltproletariat im Mai 1986 den Weg seines Kampfes wieder auf.

Dieses Ereignis in Frankreich war in erster Linie der spontane Ausdruck einer internationalen Bewegung des Proletariats, etwas was die Bourgeoisie immer versucht hat zu verbergen um es auf eine große weitgefächerte Bewegung zu reduzieren: Revoltierende Studenten, die sexuelle Befreiung, die Befreiung der Frauen, die Infragestellung der Autorität in den Familien, die Demokratisierung bestimmter Institutionen wie der Universität und neue künstlerische Ausdrucksformen.

Und auch heute ruft die herrschende Klasse diese Episode der Geschichte der Arbeiterklasse in Erinnerung  um sie nur noch tiefer verzerren zu können.

Nicht nur indem man sie immer in eine einfache Studenten- oder Hedonistenrevolte verwandelt, sondern auch vor allem indem man das Gewissen und jede Form der Reflexion angreift, die die etablierte Ordnung in Frage stellen könnte.

Jede Vorstellung von Revolution gehöre nun der Vergangenheit an und es seien bloß noch exzentrische Träumereien verwöhnter Studenten.

Diejenigen die wiederum diese Propaganda der Bourgeoisie ablehnen, müssen auch heute in der Lage sein zu diskutieren, was der Mai 68 wirklich repräsentierte. Wir müssen versuchen die Lehren zu ziehen um den revolutionären Kampf zu führen und auch fortzusetzen. Das wollen wir bei unseren nächsten öffentlichen Treffen in Berlin und Zürich tun!

 

IKS, Mai 2018.  auf de.internationalism.org sind auch weitere Textbeiträge zum Thema zu finden.

Thema: 
Die Gewichtung des Mai 68 als proletari-schen Kampf bewahren!
Termin: 
Samstag, 30 Juni, 2018 - 18:00
Adresse: 

Volkshaus Zürich

Stauffacher Str. 60

 

CH-8004 Zürich

Rubric: 
Internationale Revue 54

Nach mehr als einem Jahr ist es uns gelungen, eine weitere Internationale Revue in deutscher Sprache herauszugeben. Die meisten Artikel sind schon seit längerem auf dem Web veröffentlicht. Unter den heutigen historischen Bedingungen geben wir der Veröffentlichung der Texte auf dem Netz Vorrang. Trotzdem ist es wichtig, dass regelmäßig eine gedruckte Presse erscheint. Gerade auch um eine Kontinuität zu erhalten, die für die Presse der Arbeiterklasse immer wichtig war.

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